Gemeinsam glauben

Der Pastor der Zukunft


Der Beruf des Pastors ist in einer schmerzlichen Krise – die aber auch heilsam sein kann. Wie kann man hier umdenken? Welche Konsequenzen sind zu ziehen? Dafür muss die Krise richtig verstanden werden.

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Nur bedingt praxistauglich

Ich bin vor vielen Jahren in einem freikirchlichen Gemeindebund zum Pastor ordiniert worden. Mit dieser Ordination verbunden war die Bestätigung, dass ich eine »Berufung zum vollzeitlichen Dienst« hatte. In der Folgezeit habe ich dann einige Jahre als Lehrer an einem Theologischen Seminar unterrichtet. Ich sollte anderen jungen Leuten, die ebenfalls »berufen« waren, das theologische Handwerkszeug vermitteln. Diese Aufgabe habe ich sehr gerne ausgeübt. Und doch merkte ich bereits damals, dass »etwas nicht stimmte«.

Ehemalige Studierende erklärten das, was wir ihnen beigebracht hatten, für nur eingeschränkt praxistauglich. Einige von ihnen orientierten sich angesichts der Bedingungen, die sie in ihrer Gemeindearbeit vorfanden, beruflich neu. Inzwischen weiß ich, dass die damaligen Beobachtungen nicht Ausdruck einer vereinzelten Situation oder individuellen »Scheiterns« waren, sondern Ausschnitte eines größeren Bildes.

Merkmale der Krise

Allein ein Blick auf Statistiken zeigt, dass der Begriff »Krise« nicht übertrieben ist. Roland Crowcher, der einen Dienst für aktive und ehemalige Pastoren leitet, ist überzeugt, dass in der westlichen Welt die Zahl der »ausgestiegenen« Pastoren genauso hoch ist wie die der aktiven. Die Gründe für eine Aufgabe des Pastorendienstes sind vielfältig. Immer mehr Pastoren erleben einen Burnout. Auch die Zahl der Gemeindeleiter, die aufgrund ethischen Fehlverhaltens ihren Dienst zumindest zeitweise aufgeben müssen, wächst. Die manchmal grellen Berichte, die uns erreichen, sehen darin individuelle Verfehlungen – aber könnten sie nicht auch Ausdruck eines Systemfehlers sein? Selbst bei Pastoren, die (noch) nicht das Handtuch geschmissen haben, begleiten Unzufriedenheit und Frust häufig viel stärker die Berufsausübung als Begeisterung und Erfüllung. Woran liegt das?

Das typische Verständnis des Pastorenamtes oder wie immer der Gemeindeleiter in der jeweiligen Konfession genannt wird, hat sich in einem längeren geschichtlichen Prozess herausgebildet. Einige Ergebnisse dieses Prozesses möchte ich kurz zusammenfassen.

Die Klerikalisierung

Am Anfang waren die »Ältesten« der Gemeinde Christen, die sich durch eine gewisse geistliche Reife auszeichneten und denen deshalb die Verantwortung für das Wohl der Gemeinde anvertraut wurde. Sie unterschieden sich voneinander durch spezielle Gaben (z. B. Hirten, Lehrer, Propheten – Epheser 4,11), aus denen sich die Schwerpunkte ihres Dienstes ergaben. Von anderen Gemeindegliedern unterschieden sie sich nur graduell durch die stärkere Verantwortung. Daraus entwickelte sich ein Zwei-Klassen-Christentum: der Klerus und die Laien, zwischen denen es einen prinzipiellen Unterschied gab. Bestimmte für die Gemeinde wichtige Handlungen (z. B. die Sakramente) konnten nur durch geweihte Personen männlichen Geschlechts ausgeübt werden. Auch wenn der Protestantismus mit der Lehre vom »Priestertum aller Gläubigen« diese Klerikalisierung relativiert hat, prägt sie in abgewandelter Form das Pastorenverständnis bis heute.

Der theologische Fachmann

Als die Kirche wuchs, wuchs auch der Bedarf nach einer guten Ausbildung der Geistlichen. Diese Ausbildung wurde vor allem als theologische Fachbildung verstanden. In der Regel ist das bis heute so geblieben, wenn man sich die Lehrpläne der meisten theologischen Fachbereiche und Seminare ansieht. In der Folge wurde der Pastor zu einem Ausbildungsberuf. Die Kandidaten absolvierten ihr Studium meist in jungen Jahren und erwarben sich die Qualifikation für eine lebenslange Berufsstellung.

Der Mann für alles

Es wurde schon viel über die Universalerwartung geschrieben, die die tradition­nelle Gemeinde an ihren Leiter stellt. Er vereinigt eine Vielfalt von Aufgaben in seiner Person – von der Predigt über die geistlichen Amtshandlungen wie Taufe oder Trauung bis zum obligatorischen Kaffeetrinken bei Seniorengeburtstagen. Pastor wurde zu einem Statusberuf, für den man einen hohen Preis zahlen musste, weil die Aufgabenerfüllung nur als vollwertig akzeptiert wurde, wenn der Pastor sie selbst verrichtete (oder zumindest seine »mit eingekaufte« Frau).

Kulturelle Ausprägungen

Diese Entwicklungen sind nicht überall einheitlich verlaufen. Die Leitungsfunktion in der Gemeinde orientierte sich immer auch daran, wie Leitung in der Gesellschaft verstanden wurde. Und so verbinden sich heutzutage im Verständnis des Pastorenamtes in vielen Gemeinden zwei unvereinbare Einflüsse. Einerseits lebt das Pastorenverständnis des 19. Jahrhunderts fort (Mann für alles, Vater der Gemeinde). In einer überschaubaren Gesellschaft, in der man der Obrigkeit zu folgen gewohnt war, funktionierte dieses Modell. Heute allerdings verbindet es sich mit Haltungen und Erwartungen unserer Kultur, zu denen Demokratisierung und Professionalisierung gehören.

Leicht übersteigert könnte man die Situa­tion wie folgt beschreiben: Mittelgroße Gemeinden haben einen ähnlichen Managementbedarf wie ein mittelständisches Unternehmen – mit dem Unterschied, dass der Betrieb einen Chef und 200 Angestellte hat, die Gemeinde jedoch 200 Chefs und einen Angestellten. Diesen gordischen Knoten kann auch Delegationskunst nur schwer durchhauen.

Wege zur Lösung

Es gibt nicht den Weg zur Lösung. Und es wird auch nicht den Pastor der Zukunft geben. Eher werden sich die Aufgaben von Pastoren und Leitern in der Zukunft noch weiter differenzieren. Aber folgende Aspekte werden meiner Meinung nach dabei eine Rolle spielen.

Ausbau des Priestertums aller Gläubigen

In der Stadtplanung hat sich in den letzten Jahrzehnten ein Wandel vollzogen. Die frühere »Top-Down«-Strategie, bei der die politisch Verantwortlichen alle Vorgaben machten, wird immer mehr durch ein »Bottom-Up«-Vorgehen abgelöst, das von Partizipation gekennzeichnet ist. Die Leute wirken mit an der Veränderung ihrer Community. Ähnliches würde vielen Gemeinden gut tun. Der Pastor wäre dann vor allem der Moderator von Gemeindeprozessen, bei denen sich die »Vision« der Gemeinde wie ein Mosaik aus dem zusammensetzt, was die einzelnen Gemeindeglieder verkörpern. Auch nach der Visionsfindung bleibt der Pastor (oder die Leitung) im wesentlichen Moderator. Die Umsetzung liegt ebenfalls in der Verantwortung der Leute, die man früher Laien nannte. Die Leitung hilft ihnen dabei, die Dinge zu tun, die sie gern tun möchten. Das schließt auch ein, dass es grundsätzlich keine gemeindliche Handlung gibt, die nur von einem Pastor vollzogen werden kann.

Die Überwindung einseitiger ­Qualifizierung

Der Pastor der Zukunft muss kein theo­logischer Fachmann sein. Es gibt viele andere denkbare Einstiegs-Qualifikationen. Eine Gemeinde in Boston, zu der unser Berliner Stadtnetzwerk »Gemeinsam für Berlin« eine enge Beziehung unterhält, besteht aus etwa 50 Leuten, die vom Harvard-Professor bis zum Obdachlosen reichen. Einer ihrer Pastoren ist ein Afroamerikaner, der vor allem Streetwork betreibt. Er ist teilweise Analphabet und lässt während seiner Predigten die Bibeltexte von jemand anderem vorlesen. Aber er macht einen exzellenten Job.

Theologie wird nicht bedeutungslos werden. Aber es könnte zum Beispiel durchaus ausreichen, wenn theologische Referenten als Berater für mehrere Gemeinden zur Verfügung stehen.

Lebensbereichserfahrung

Zur Zeit des Neuen Testamentes hießen die Leiter nicht nur »Älteste«, sondern waren es auch. Lebenserfahrung bedeutete in sich langsam entwickelnden Kulturen einen Vorsprung, der nicht aufzuwiegen war. In unserer schnelllebigen Informationsgesellschaft ist das oft nicht mehr so. An vielen Stellen ist der gefragt, der innovativ ist und sich Neues am schnellsten aneignen und umsetzen kann.

Dafür hat etwas an Wert gewonnen, was ich die Lebensbereichserfahrung nenne. Damit meine ich, dass jemand bestimmte Bereiche gesellschaftlichen Lebens, die für die Gemeinde relevant sind, aus eigenem Erleben kennt. Das spricht dafür, dass neben dem ausgebildeten Pastor verstärkt der Pastor als Quereinsteiger eine Rolle spielen wird.

Patchwork-Pastorate

In unserer Gesellschaft gibt es immer mehr Patchwork-Jobs. Menschen üben mehrere Tätigkeiten nach- oder nebeneinander aus. Warum soll es nicht auch für Pastoren Lebensabschnittsberufungen geben? Ich selbst habe eine Reihe von Jahren als Pastor gearbeitet und bin jetzt Netzwerker, Berater und einiges mehr. Ich bin dankbar, dass ich Pastor war, und ich bin dankbar, dass ich jetzt etwas anderes tue.

Nicht nur finanzielle Gründe sprechen außerdem dafür, dass Pastoren zusätzlich andere berufliche Standbeine haben können (wie es bei afrodeutschen Pastoren die Regel ist). Ein Pastor, der nicht die ganze Woche hinter den Kirchenmauern verschanzt ist, sondern Kontakt zum »wirklichen Leben da draußen« hat, wird zum Beispiel ganz andere Impulse in seine Gemeinde einbringen können.

Raum für Authentizität

Beruflicher Status verliert in unserer Gesellschaft seine Strahlkraft. In der Gemeinde lebt jedoch der Nimbus des »Mannes Gottes« bewusst oder unbewusst weiter und verbindet sich mit Erwartungen an die Lebensführung des Pastors, die einerseits eine gewisse Berechtigung haben, ihn andererseits in persönlichen Lebens- und Glaubenskrisen einsam machen und zur Heuchelei verleiten können. Wenn der Pastor nicht ein Mensch unter Menschen sein kann, wird die Krise des Pastorats eher noch zunehmen. Wo er Teil einer Gemeinschaft ist, die miteinander auf dem Weg ist, die Freuden und Leiden teilt und sich auch in Tiefpunkten des Lebens solidarisch verhält, hat er die Luft zum Atmen, ohne dass er erstickt.

Gemeinden und Pastoren werden den Weg aus der Krise nur bewältigen, wenn sie offen über ihre Vorstellungen reden und sich dafür öffnen, Alternativen zum »klassischen« Pastorentum zu suchen. Wo das geschieht, kann Pastor noch immer ein echter »Traumjob« sein.

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