Jesus nachfolgen

Meer mit Himmel


Wie kann man in enger Vertrautheit mit Gott leben? Und wieso lohnt es sich, diese Beziehung zu pflegen? ­Unsere Autorin erzählt, wie sich ihre Freundschaft zu Gott ­entwickelt hat.

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»Was ist das Evangelium für euch?« Ich war irritiert von der Frage. Was bedeutet das? Es gibt doch nur ein Evangelium! Doch dann erklärte unser Dozent die Frage näher: »Was ist deine persönliche Geschichte? Woraus hat Gott dich errettet? Aus Schuld, aus Angst, aus Ablehnung? Was ist deine Erfahrung mit Gott, die du anderen weitererzählen kannst?« Ich wusste sofort, was meine Geschichte war. Gott hatte mich befreit aus Einsamkeit. Seitdem ich ihn kenne, bin ich nicht mehr allein. Ich habe in ihm einen Freund und Vater gefunden, der immer bei mir ist.

Der Beginn einer Freundschaft

Sommer 1998. Ich lag auf einer Wiese. Es war Freakstock, das Festival der »Jesus Freaks«, zu dem sämtliche Alternative aus dem ganzen Land kamen. Ich war definitiv nicht alternativ und passte eigentlich nicht dazu, aber ich war angezogen von der Nähe Gottes, die ich an diesem Ort spürte, wie ich sie noch nie zuvor in meinem Leben gespürt hatte. Ich fühlte mich einsam, denn ich gehörte einfach nicht dazu. Und die Musik, die von der Bühne zu mir herüber drang, war auch nicht wirklich mein Geschmack. Also legte ich mich auf die Wiese und schloss die Augen, um mich auszuruhen. Da begann ich, Jesus mein Leid zu klagen. Ich fing an, mit ihm zu reden, als ob er neben mir sitzen würde. Ich erzählte ihm, wie ich mich fühlte und sagte ihm, was ich mir wünschte. Als ich wieder auf die Uhr sah, war auf einmal eine halbe Stunde vorbei. Ich hatte noch nie zuvor so lange gebetet. Fünf Minuten waren schon anstrengend für mich gewesen. Aber hier hatte ich einfach ganz normal mit Jesus geredet. Das war der Anfang unserer Beziehung. Als ich wieder nach Hause kam, war ich ein anderer Mensch, es war mir das wichtigste Bedürfnis, mein ganzes Leben mit Gott zu besprechen und viel für meine Familie und Freunde zu beten. Seitdem habe ich nicht aufgehört, mit ihm zu reden.

Mit Gott im Gespräch

Basis für jede Beziehung ist die gemeinsame Begegnung. Dazu muss man Zeit aufwenden. Für die Menschen, die uns wichtig sind, machen wir das auch. Wenn man jedoch nicht mehr miteinander redet, ist das der Tod einer jeden Beziehung. Das ist nicht anders in unserer Beziehung zu Gott. Die Kunst ist es, dies in unserem beschäftigten Alltag umzusetzen. Mir hilft dabei, Rituale zu entwickeln und Orte zu suchen, an denen ich Jesus begegnen kann. Letztes Jahr war dieser Ort für mich das Mittelmeer. Ich ging dort gern spazieren und redete dabei laut mit Jesus. In dem Moment, in dem mein Fuß den Sand berührte, war ich alleine mit Jesus, ich konnte ihm danken für die wunderschöne Schöpfung oder einfach dafür, dass er da war. Und dann erzählte ich ihm von den Dingen, die mir auf dem Herzen lagen. Ich hatte auch meine trockenen Zeiten mit Jesus, in denen es mir nicht leicht fiel zu beten. Aber weil es für mich Routine war, »mit Jesus laufen zu gehen«, kamen nach den trockenen Tagen auch immer wieder Tage, an denen ich mich auf die Spaziergänge mit Jesus freute. Manchmal saß ich auch auf den Felsen und beobachtete das Meer und es war, wie wenn wir da gemeinsam saßen und schwiegen. Diese Zeiten mit Jesus haben mich durch mein erstes Jahr in Israel getragen. Heute lebe ich nicht mehr am Meer, sondern in Jerusalem. Da gilt es wieder neue Wege zu finden, wie ich Jesus begegnen kann.

Es begeistert mich, dass Gebet keine »one-way«-Kommunikation ist, sondern dass Gott mit uns reden und mit uns im Alltag verbunden sein will. Das Reden Gottes erlebe ich meistens wie Impulse, die mir als Gedanken in den Sinn kommen. Ich versuche bei meinen Alltagsentscheidungen immer kurz in mich hinein zu hören, ob ich Frieden über eine Entscheidung habe oder etwas anderes empfinde. Und dann gehe ich drauf los. Nicht selten erlebe ich dann, dass Gott meine Entscheidungen geleitet hat und ich genau zur richtigen Zeit ankomme und dadurch zufällig noch Leuten begegne, die sich darüber wundern, wie ich das mal wieder geschafft habe.

Gott sucht Freunde

In der Bibel gibt es zwei Menschen, die als »Freunde Gottes« bezeichnet werden: Mose und Abraham. [1] Es ist meine Sehnsucht, dass Gott auch mit mir wie mit einem Freund redet. Aber was bedeutet es, ein Freund Gottes zu sein? Einem Freund erzählt man vertraute Dinge. Und das ist es, was Gott mit Mose und Abraham tat. Ein Beispiel: Nachdem Gott Abraham und Sara besucht und ihnen ein Kind angekündigt hatte, ging er mit Abraham weiter nach Sodom. »Da sprach der HERR: Wie könnte ich Abraham verbergen, was ich tun will?« (1. Mose 18,17). Dann weihte Gott Abraham in seine Pläne ein, Sodom und Gomorra zu vernichten. Abraham reagierte darauf, indem er anfing, für die Bewohner dieser Städte einzutreten. Er begann, mit Gott zu verhandeln und überredete ihn schließlich dazu, die Stadt am Leben zu lassen, wenn es dort nur zehn Gerechte geben würde. Es berührt mich, dass Gott sich auf die Diskussion mit Abraham einließ. Und es berührt mich, dass Abraham die Bewohner in Sodom und Gomorra nicht egal waren, obwohl er da nicht einmal wohnte. Ich glaube, Gott sucht Freunde, die er in seine Pläne einweihen kann, und die dann bereit sind, für andere einzustehen und für sie zu beten.

Wolken über Tel Aviv

Ich lebe seit zwei Jahren in Israel. Ich liebe besonders Tel Aviv und habe die Sehnsucht, dass die Bewohner dort wieder zu ihrem Gott zurück finden. Im Sommer war ich öfters in einem Gebetsraum, von wo aus man die ganze Stadt überblicken kann. Einmal sah ich eine dunkle Wolke über Tel Aviv kommen. Da empfand ich den starken Drang, für den Schutz der Stadt zu beten. Ich musste dabei an Terrorattentate und Krieg denken, obwohl zu dieser Zeit weder das eine noch das andere absehbar war. Tel Aviv ist eine sehr stolze Stadt, nach dem Motto »uns passiert doch nichts«. Doch im November darauf startete Israel in Gaza die Militäroperation »Wolkensäule«. Und auf einmal gab es Raketen in Tel Aviv – sie landeten mitten in dieser pulsierenden Stadt. Das Ungewöhnliche dabei war, dass keiner ums Leben kam. Nicht einmal, als es zum Schluss des Krieges noch ein Terrorattentat mitten im Zentrum Tel Avivs gab. Meine Freunde nannten es ein Wunder, dass gar kein Schaden entstand oder nur Sachschaden angerichtet wurde. [2] Ich musste dabei an meine Gebete im Sommer denken. Ich bin mir sicher, dass ich nicht die einzige war, die für Tel Aviv gebetet hatte, aber es berührte mich, dass Gott mich hineinnahm in seine Pläne und mir dadurch seine Liebe für die Stadt Tel Aviv zeigte, die hier als »gottlose Stadt« gilt.

Manchmal empfinde ich, dass Jesus zu mir sagt: »Ihr habt nichts, weil ihr nicht bittet.« (Jakobus 4,2). Gott ist ein Gott, der gerne gibt. Und ich glaube, er sehnt sich danach, dass wir als seine Kinder mit ihm in Kontakt bleiben und unser Leben mit ihm leben und nicht getrennt von ihm. Er sehnt sich nach Gemeinschaft mit uns. Gebet ist eine Form, durch die wir mit dem lebendigen Gott Gemeinschaft haben können.


Fußnoten:

  1. 2. Mose 33,11; Jakobus 2,23; Jesaja 41,8
  2. Der sogenannte »Iron Dome«, eine Raketenabfanganlage, konnte viele Raketen abfangen und in der Luft zerstören.
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