Schlau werden

Ohne Anfang und Ende


Der Gedanke an die Ewigkeit kann uns verrückt machen, weil wir uns ein Leben ohne Ende nicht vorstellen können. ­Beobachtungen aus der Quantenphysik.

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Das Leben ist kurz. Diese Aussage haben wir mit Sicherheit schon oft gehört. Sie will uns wohl dazu auffordern, möglichst viele tolle Erfahrungen in der uns zur Verfügung stehenden Zeit mitzunehmen und das scheinbar so kurze Leben bis zum Maximum auszukosten. Und auch zu bedenken, dass es irgendwann zu spät dafür sein kann. Zu spät, weil dann etwas vorbei ist – die Lebensuhr ist dann abgelaufen. Finito.

Ohne Zweifel ist unser irdisches Dasein zeitlich stark begrenzt – wir leben einen winzigen Abschnitt auf einem sehr langen Zeitstrahl. In einem Schulbuch für Geschichte hätten wir wahrscheinlich selbst mit einer Lupe Mühe, die kurze Weile, die unserem Leben entspricht, auf diesem Zeitstrahl zu finden. Ob dieser Abschnitt tatsächlich so winzig ist oder nicht, sei einmal dahingestellt. Das ist ja irgendwie auch Wahrnehmungssache. Empfindet eine Alltagsfliege ihr Leben als kurz? U2-Sänger Bono sagt in einem Lied treffend: »Das Leben ist kurz, aber es ist das längste, was du jemals tun wirst« [1]. Fakt ist, dass wir gerade jetzt am Leben sind. Die Uhr tickt, und alles bewegt sich nach vorn. Die Mühle dreht sich beständig, und niemand kann sie anhalten.

Doch im krassen Gegensatz zu der Beerdigungsformel »Asche zu Asche und Staub zu Staub«, welche die Endlichkeit unseres irdischen Seins ausdrückt, steht das göttliche »von Ewigkeit zu Ewigkeit«. Ein Ausdruck, mit dem die Bibel wenig geizt. Der gläubige Mensch, der das ewige Leben empfängt, welches Jesus anbietet, bekommt eine neue Sichtweise: Er wird sein irdisches Leben immer noch als zeitlich begrenzt wahrnehmen, aber er glaubt hoffnungsvoll an eine Fortsetzung. Nicht jedoch in Form einer Zugabe, die nur gegeben wird, weil alle Engel rufen »One more song«, sondern vielmehr als ein nicht endendes Dasein, eine ewige Existenz. Bei dieser Vorstellung kann uns schwindelig werden, weil wir nichts dergleichen kennen.

Bei uns hat alles einen Anfang und ein Ende. Mit dem Urknall fing alles an, irgendwann explodiert die Sonne und dann macht auch der Letzte das Licht aus. Ewigkeit hingegen bringt eine neue Perspektive mit sich. Diese Perspektive lässt uns rauszoomen, lässt unsere Sorgen und die vermeintliche Wichtigkeit unserer Probleme kleiner erscheinen. Vor allem jedoch erhebt uns das Bewusstsein der eigenen, uns von Gott geschenkten Ewigkeit, über den Staub und die Asche hinweg.

Gott drückt diese Ewigkeit sogar in seinem Namen aus: Ich bin. Punkt. Als Jesus eben diese Worte benutzt, um sich den römischen Soldaten vorzustellen, fallen diese schier zu Boden. [2] Eine eindrückliche Demonstration der Kraft hinter diesem einfachen »Ich bin«. Mose, der am Berg Sinai live dabei ist als Gott sagt »Ich bin«, schreibt später in einem Psalm an Gott: »Du bist von Ewigkeit zu Ewigkeit.« [3] Eine andere Übersetzung lautet hier sehr treffend: »Du bist ohne Anfang und ohne Ende.«

Nun stellen wir uns also die Ewigkeit als einen Zeitstrahl ohne Anfang und ohne Ende vor. Doch anscheinend kann sich Gott auf diesem Strahl beliebig bewegen, zumindest weiß er, was in drei Tagen sein wird und sowieso, was gestern war. Tausend Jahre sind für ihn wie ein Tag und doch bekommt er jeden der 50 Flügelschläge pro Sekunde beim Flug des Kolibris mit.

Was ist jedoch, wenn wir Ewigkeit nicht als endlosen Zeitstrahl definieren, sondern vielmehr als die Abwesenheit von Zeit, als einen Zustand, in dem Zeit keine Rolle spielt? Was, wenn Zeit ein geschaffenes Element ist, das in der Ewigkeit irrelevant ist, nicht deshalb, weil enorm viel Zeit zur Verfügung steht, sondern weil das Konzept Zeit nicht mehr greift?

Quantenphysik

Dass dieser Gedanke nicht völlig irrwitzig ist, begreifen wir, wenn wir uns einmal der Physik zuwenden. Mag diese uns im Alltag eher selten tangieren, so katapultiert uns die bewusste Beschäftigung vor allem mit der Quantenphysik gedanklich gewaltig über den Tellerrand des Erfahrbaren hinaus.

Vielleicht haben wir schon einmal vom Zwillingsparadoxon gehört, einem Gedankenexperiment, das veranschaulichen soll, was passieren würde, wenn man das Experiment genauso durchführen könnte. Es geht bei diesem Experiment um ein Zwillingspaar, von denen einer der beiden in eine Raumkapsel steigt und mit nahezu Lichtgeschwindigkeit in Richtung eines weit entfernten Sterns davonfliegt. Nach einem Monat kehrt er zurück und stellt fest, dass sein Zwillingsbruder bereits ein alter Mann ist – auf der Erde sind viele Jahre vergangen.

In der »speziellen Relativitätstheorie« beschreibt Albert Einstein, dass Raum und Zeit relativ sind – sie hängen von der Bewegung des Betrachters ab. Für jemanden, der sich nicht bewegt, herrscht eine andere Realität bezüglich Raum und Zeit als für jemanden, der sich bewegt. Anhand von hochpräzisen Atomuhren kann der Effekt des Zwillingsparadoxons sogar auf Atlantikflügen nachgewiesen werden. Die anschließend festgestellte Zeitdifferenz der Uhren ist jedoch verschwindend gering, da die Flugzeuggeschwindigkeit gegenüber der Lichtgeschwindigkeit von über einer Milliarde Kilometer pro Stunde kaum ins Gewicht fällt.

Mit der Relativität des Raumes und der Zeit ist also nicht die bloße Wahrnehmung gemeint, wie wenn beispielsweise ein Rennfahrer durch eine Allee heizt, die Bäume nur so an ihm vorbeifliegen und ihm die Strecke kürzer vorkommt als sie eigentlich ist. Sehr schnell bewegte Objekte erleben eine tatsächliche Stauchung des Raumes, die sogenannte Lorentzkontraktion. Und sie erleben eine Dehnung der Zeit, die Zeitdilatation. Im Grunde genommen sind Lorentzkontraktion und Zeitdilatation verwandt, weswegen man in der Quantenphysik Zeit und Raum zur Raumzeit zusammenfasst.

Einsteins Theorie wurde mittlerweile mehrfach bewiesen. Mit ihr lassen sich auch Phänomene verstehen, die mit »gesundem Menschenverstand« und der klassischen Physik nicht erklärbar sind. Ein Beispiel dafür sind die sogenannten Myonen, kosmische Teilchen, die mit annähernder Lichtgeschwindigkeit in die Erdatmosphäre eintreten. Nach Eintritt in die Atmosphäre haben diese Teilchen bis zu ihrem Verfall nur eine sehr geringe Lebensdauer. Da man ihre Geschwindigkeit und die Lebensdauer innerhalb unserer Atmosphäre kennt, kann man mit einfacher, klassischer Physik die Strecke bestimmen, die die Myonen bis zum Zerfall zurücklegen können. Man kommt auf nur wenige hundert Meter. Tatsächlich jedoch herrscht für diese rasend schnellen Teilchen eine andere Realität. Sie befinden sich in einem anderen sogenannten Inertialsystem – die Zeit in ihrer Realität ist gedehnt, vergeht also langsamer, so dass sie tatsächlich bis zur Erdoberfläche kommen. Und das, obwohl auf unserer Stoppuhr der Zeitpunkt ihres Zerfalls schon längst verstrichen ist.

Alles relativ

Phänomene wie diese stellen den Absolutheitsanspruch unserer Wahrnehmung in Frage. Wir sind uns hundertprozentig sicher, dass das Licht der Sonne die Erde nach etwa 8 ½ Minuten erreicht und dass Photonen von diesem bis zu jenem Stern soundso viele Jahre brauchen. Damit haben wir absolut relativ Recht. Aus der Perspektive von Licht vergeht nämlich keine einzige Sekunde, um von hier nach dort zu kommen. Im Inertialsystem des Lichts ist Licht überall gleichzeitig, es vergeht gar keine Zeit. Für Licht existiert Zeit nicht – die Uhren, die mit Lichtgeschwindigkeit durchs All flögen, blieben stehen. Doch Uhren sind auch nur periodische Systeme, wie auch die Zerfallsstrukturen unseres Körpers. Elektronen kreisen um Atomkerne, Atome gehen verschiedene Verbünde ein, wobei es wiederum zu chemischen Reaktionen kommt. Wir altern. Aber wer hat denn nun Recht? Derjenige, der sich mit Lichtgeschwindigkeit bewegt und keine Zeit kennt, oder der ruhende Beobachter, für den Zeit sehr wohl real ist?

Selbst der Quantenphysiker und Nobelpreisträger Feynman sagte einmal von sich, dass er die Quantenphysik nicht mit Sicherheit verstünde. [4] Wir müssen uns also nicht wundern, wenn wir in Anbetracht dieser Dinge Gehirnfasching bekommen. Wir können uns lediglich herantasten und zulassen, dass die Absolutheit unseres Modells für Zeit zu bröckeln beginnt. Obwohl sich dieses »So-verläuft-die-Zeit-nun-mal-Modell« durch Erfahrungen immer wieder bestätigt und für unser Leben hier nicht fortzudenken ist, können die quantenphysikalischen Aspekte uns helfen, das Konzept »Zeit« als das wahrzunehmen, was es ist: als relativ. Wenn selbst Geschwindigkeit und übrigens auch Gravitation verschiedene Realitäten für das Vergehen von Zeit bewirken, erkennen wir Zeit als geschaffenes Element in der Hand des Schöpfers. Dieser Schöpfer wird ja nicht einmal durch dieses, sein eigenes, Universum begrenzt und ist erst Recht nicht an die Gesetzmäßigkeiten und Naturgesetze darin gebunden.

Gott hält die Unendlichkeit des Raums in seiner Hand. Und er hält Zeit in seiner Hand. Diese Erkenntnis vermag es vielleicht nicht, unser irdisches Leben auch nur um einen einzigen Tag zu verlängern, aber sie lässt uns ein wenig über den stumpfen Tellerrand des Alltags hinwegschauen und erkennen, dass da mehr ist, als nur der straff gespannte Bogen zwischen Staub und Staub, auf dem wir uns gerade bewegen. Immerhin ist ein essentieller Teil von uns zeitlos. Der weise König Salomo schreibt bereits, dass uns Ewigkeit ins Herz gelegt worden ist. [5] Von Ewigkeit zu Ewigkeit. Ohne Anfang und ohne Ende, einfach nur: Ich bin.


Fußnoten:

  1. U2 – »Moment of Surrender«, Live at the Rose Bowl
  2. Johannes 18,6
  3. Psalm 90,2
  4. Original engl.: »[…] I think I can safely say nobody understands Quantummechanics« – The Character of Physical Law. MIT Press, 1967, Kapitel 6, zitiert nach Anthony J. G. Hey et. al.: The new Quantum Universe. Cambridge University Press, 2003, Seite 335
  5. Prediger 3,11
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