Bewusst leben

Planlos?!


Kommt zur eigenen Lebensplanung die Frage nach dem Plan Gottes hinzu wird es kompliziert.

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Sprecherin: Mechthild Puhlmann

»Schaut mal dort am Horizont«, schreit die erste Matrosin. Ihr Finger deutet auf einen kleinen Punkt in weiter Ferne. »Dort will ich hin!« Für sie ist der kleine Punkt der Ort des Geschehens, in leuchtenden Farben und bewegten Bildern hat sie ihn vor sich.

»Das macht keinen Sinn«, widerspricht die zweite. »Woher weißt du, dass es da tatsächlich so aussieht? Lohnt sich der Weg überhaupt? Wenn wir dort sind, gefällt es uns am Ende doch nicht«, sagt sie und deutet auf einen anderen Punkt. »Wie wär’s mit dem dort hinten?«

»Warum bleiben wir nicht hier?! Macht die Augen auf für das Hier und Jetzt. Warum über nächste Häfen streiten, wenn der hier so schön ist?«, wirft die dritte ein. Sie ist präsent und hellwach, »Carpe Diem!« muss ihr keiner sagen, es ist ihre DNA.

»Genau«, sagt die vierte im Bunde. »Natürlich ist nicht alles perfekt, aber warum packen wir nicht mit an und verändern das Gesicht dieses Hafens ein wenig?!«, schlägt die pragmatische Diplomatin vor.

Die vier Matrosinnen stehen für die Stimmen, die in meiner Lebensplanung mitreden. Manchmal sind es mehr, manchmal weniger als die exemplarischen vier. Schon seit einer ganzen Weile beschäftigen sie mich und reflektieren die Auseinandersetzung mit der bislang am längsten bewusst an mich selbst gestellten Frage: »Wo soll es hingehen?« Sie bezieht sich auf inhaltliche oder auch geographische Weichenstellungen aus dem weiten Feld der Lebensplanung. Sie tauchen immer dann auf, wenn ein Lebensabschnitt zu Ende geht oder Zweifel an dem aufkommen, worin ich grade stehe. In meinem Fall: oft.

Die Frage nach der Berufung

Manchmal kommt sie auch in einem anderen Gewand daher. »Was ist meine Berufung?«, heißt es dann. Zu all den Stimmen, die sowieso schon um Aufmerksamkeit streiten, kommen neue hinzu: »Gott, was willst eigentlich du? Was soll ich tun? Wo soll ich hin?« Die Frage nach der Berufung plappert im Stimmengewirr munter mit und trägt selten zu einer Klärung bei. Im Ideal würde die Lebensplanung Gläubiger von Freiheit, Freisetzung und göttlicher Kreativität zeugen. In der Realität liegt sie oft irgendwo zwischen infantil und verkrampft. Mit Blick auf mich selbst und andere, die einen Klatsch christlich-abendländischer Kultur abbekommen haben, frage ich mich, ob das Ganze ohne Gott nicht einfacher wäre.

»Aber Gott hat doch einen Plan für unser Leben!«, mag der gute Christ nun einwerfen. »Wenn Gott einen Plan für unser Leben hat, sollten wir ihn beherzigen.«

Auf der Suche nach dem Plan

Die erste Konnotation, die mir zum Plan kommt, ist Bauplan ... für einen Ikea-Schrank zum Beispiel. Mit dem Paket von Ikea kommt einiges an Material: Holzstücke in verschiedenen Größen, Stangen, Scharniere, Schrauben, Nägel ... Wer aus den Bauteilen einen geraden und funktionierenden Schrank machen will, muss sie genau so aneinandersetzen, wie der Designer vorher am Reißbrett. Wer nicht selbst Schreiner ist oder bereits zehn derselben Schränke zusammengebaut hat, hält sich besser an die Anleitung.

Auch in meinem Leben habe ich einiges an Ressourcen und Gaben, aber auch an Beschränkungen mitbekommen. Was ich daraus bauen kann, weiß wohl mein Designer am besten. Ich meinerseits tue gut daran, mich an seinen Plan zu halten.

Soweit so gut. Blöd nur, dass ich in meinem Paket bisher noch keine göttliche Bauanleitung gefunden habe, in der steht »Wenn du mit diesem fertig bist, mach jenes als Nächstes.« Daraus kann ich nun verschiedene Schlussfolgerungen ziehen: Wenn es keinen Beipackzettel gibt, gibt es auch keinen Gott. Oder: Es gibt einen Gott, aber da er mir keinen Beipackzettel gibt, ist es ihm egal, ob mein Lebensschrank am Ende schief und krumm ist. Oder: Ich muss besser suchen.

Einladung statt Anleitung

Oder: Ich habe das mit dem Plan falsch verstanden und die Bausteine meines Lebens sollen nicht zu einem Ikea-Schrank oder einem anderen vorher fest definierten Gebilde werden. Vielleicht ist mein Leben eher wie ein offenes Kunstwerk. Dieser Begriff Umberto Eco’s hat mich zu einer neuen Perspektive auf meine Zukunft im Zusammenhang mit Gottes Plan inspiriert. Ein offenes Kunstwerk verlässt den Künstler unfertig. Was dabei herauskommt, ist nicht eindeutig, sondern mehrdeutig. Der Betrachter wird zum Teilhaber, das offene Kunstwerk fordert zum Auswählen und Neukombinieren auf. Natürlich ist auch dieser Vergleich des offenen Kunstwerks nur ein Gedankenkonstrukt, das die Realität niemals voll abbilden kann. Doch einiges an diesem Konzept gefällt mir ziemlich gut. Es macht die Lebensplanung ein ganzes Stück unkomplizierter. Es ermutigt zum Aufbrechen, Ausprobieren und Spielen. Im Gegensatz zum Ikea-Schrank, der einzustürzen droht, wenn man sich nicht peinlich genau an die Anleitung hält, verleiht es Freiheit und Leichtigkeit. Es ist eine Einladung des Künstlers, hier: des Schöpfers, zum Schöpfen und kreativ Sein.

Los geht’s

Tja, und so stehe ich mitten drin in dem Leben, das Gott mir anvertraut hat, bin fasziniert und gleichzeitig überfordert von der Fülle an Möglichkeiten, die mir offenstehen. Dass ich an Gott glaube und Jesus nachzufolgen versuche, bringt eine Dimension in mein Leben, die manch anderer nicht hat. Ich wünsche mir, dass mein Weg mehr und mehr von Freiheit, Liebe und dem Frieden Gottes spricht. Diese drei will ich umarmen und losziehen im Vertrauen, dass Er dabei ist, mit Seinem Reden rechnen, aber nicht passiv darauf warten und Entscheidungen treffen. Mir dabei Fehler und Irrtümer zugestehen, im Vertrauen darauf, dass Gott kein Problem mit ihnen hat. Vielleicht gibt es sie in seinen Dimensionen auch gar nicht.

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