Ethisch handeln

Diagnose: Multiple Sklerose

Darf ich meine Verlobte verlassen?


Zwei Ethikexperten suchen eine Antwort auf die Frage, ob eine Trennung aufgrund einer Erkrankung ethisch zu rechtfertigen ist.

von Dr. Andreas Franz + Dr. Thomas Weißenborn

Situationsbeschreibung und Fragestellung

Kurz nach unserer Verlobung wurde bei meiner Verlobten Multiple Sklerose diagnostiziert. Ich habe große Angst vor ihrem fortschreitenden körperlichen Abbau und einer frühen Pflegebedürftigkeit. Ich liebe meine Verlobte sehr, weiß nun aber nicht mehr, ob ich ihr das Eheversprechen, in Freud und Leid zu ihr zu stehen, mit dem Wissen um ihre Erkrankung geben kann. Wäre eine Trennung auf Grund der Erkrankung als Jesus Nachfolger ethisch zu rechtfertigen?

Antwort 1: Dr. Andreas Franz

Einer meiner Freunde begleitete seine schwer krebskranke Frau etwa 20 Jahre lang treu und aufopfernd bis zu ihrem Tod. Einige Monate nach ihrem Heimgang teilte er uns mit, dass er wieder heiraten werde. Ich erinnere mich noch an den Schreck, als wir hörten, dass bei seiner Zukünftigen MS diagnostiziert worden sei. Ich war froh, dass er mich nicht um Rat gefragt hatte. Was hätte ich ihm raten sollen? Durch die erneute Eheschließung hatte er die Frage endgültig beantwortet: in guten wie in schlechten Tagen.

Das Verlöbnis hat in unserem Kulturkreis die Bedeutung von gegenseitigem Kennenlernen und kann noch gelöst werden. Eine Verlobungszeit kann sogar zeigen, dass es besser ist, die Verbindung zu lösen – aus welchen Gründen auch immer, wenn auch oft unter Schmerzen für einen oder beide Partner. Ein Verlöbnis entspricht nicht der Eheschließung.

Die hier gestellte Frage lässt sich meines Erachtens nicht allgemein beantworten, da viele Faktoren berücksichtigt werden können, z. B. Krankheitsverlauf, Alter, Lebensumstände, Arbeitssituation, Begabung, Berufung ... Ärztliche Beratung und Informationen zu Hilfsmöglichkeiten können bei der Entscheidungsfindung helfen. Ob MS ein solcher Trennungsgrund ist, muss jeder der Partner für sich selbst und vor allem ganz ehrlich beantworten. Es wäre niemandem geholfen, wenn die Situation später überfordern würde. Wichtig ist, dass beide in dieser Entscheidung frei und sich der Konsequenzen bewusst sind. Aus ethischer Sicht ist die Auflösung eines Verlöbnisses grundsätzlich zu rechtfertigen.


Dr. Andreas Franz ist Studienleiter der Theologisch-Missionswissenschaftlichen Akademie »TheMA« und Vorsitzender der ­Arbeitsgemeinschaft Pfingstlich-Charismatischer Missionen.


Antwort 2: Dr. Thomas Weißenborn

Die Frage hat zwei Ebenen. Da ist zum Einen die Einordnung der Verlobung. Bei ihr handelt es sich um ein Eheversprechen, jedoch nicht die Ehe selbst. Sie ist also nicht genauso bindend. Andererseits ist eine Verlobung ein Versprechen, weswegen man sie nicht leichtfertig wieder lösen sollte. Damit sind wir bei der zweiten Ebene. Bei der Verlobten wurde MS diagnostiziert, eine (bisher) unheilbare Krankheit, die oft in Schüben verläuft und deren Fortschreiten völlig unabsehbar ist. Was die Diagnose im Einzelfall bedeutet – und welche Einschränkungen damit verbunden sind – ist also ungewiss.

Es ergibt sich daraus die Frage, ob man sich der Herausforderung einer so ungewissen Zukunft stellen kann und möchte. Wenn die Krankheit rapide fortschreitet, wird eine »normale« Ehe kaum möglich sein. Im Zentrum der Beziehung steht dann vermutlich tatsächlich vor allem die Erkrankung der Partnerin. Andererseits haben auch Paare, die bei der Hochzeit kerngesund sind, nicht die Garantie, dass dies bis ins hohe Alter so bleibt. In der Trauformel ist ja ganz bewusst von »guten und schlechten Tagen« die Rede, weil man sich mit der Eheschließung in ein unabwägbares Abenteuer über mehrere Jahrzehnte begibt, in denen im Prinzip alles geschehen kann – auch etwas, was mit der Diagnose MS vergleichbar oder gar noch schlimmer ist.

Die Frage ist also, ob man grundsätzlich bereit ist, das Wagnis der Liebe und Ehe einzugehen. Dann sollte man zur Verlobung stehen – oder sich für die Ehelosigkeit entscheiden.


Dr. Thomas Weißenborn ist stellvertretender Direktor am Marburger ­Bildungs- und Studienzentrum, an dem er u.a. Dogmatik ­unterrichtet. Er ist Autor mehrerer Bücher.

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