Ethisch handeln

Finanzielle Verantwortung

Muss ich helfen, wenn ich kann?


Zwei Ethikexperten beantworten die Frage, ob man notleidende Freunde unterstützen muss. Auch wenn das Verzicht bedeutet.

von Dr. Andreas Franz + Dr. Thomas Weißenborn

Situationsbeschreibung und Fragestellung

Dieses Jahr bin ich befördert worden – mehr Arbeit, aber auch mehr Geld. Deshalb können wir als fünfköpfige Familie dieses Jahr 1.500 Euro in unseren Sommerurlaub investieren. In unserem Hauskreis geht es einer Familie finanziell nicht gut. Sie gehen verantwortungsvoll mit ihren Finanzen um, aber sie haben durch den Arbeitsplatzverlust des Mannes nicht genügend Geld, um ihr altes, kaputtes Auto zu ersetzen.
Habe ich als Glaubensbruder die Verantwortung, der Familie finanziell beizustehen? Auch wenn das für unsere Familie heißen würde, auf den Sommerurlaub zu verzichten?

Antwort 1: Dr. Andreas Franz

Eine vierköpfige Familie hatte jahrelang gespart, um sich endlich ihren Familientraum zu verwirklichen: wenigstens einmal im Leben die Olympischen Spiele zu besuchen. Kurz vor Beginn der Spiele hörten sie im Gebet, sie sollten dieses Geld in ein Missionsprojekt investieren. Auf diese Weise kamen sie mit zwei Teenagern während der Zeit der Olympischen Spiele aus den USA nach Deutschland, um bei Umbauarbeiten praktisch mitzuhelfen. Die Reise kostete sie ihre ganzen Ersparnisse, die Spiele waren vorbei und sie waren trotzdem glücklich. Ihr Verhalten hat mich tief beeindruckt. Wenn Gott so klar redet, sollte man es tun und wird es nicht bereuen.

In unserem Beispiel besteht ein ähnliches Spannungsfeld, diesmal zwischen dem Wohlergehen der eigenen Familie (gemeinsame Erholung) und der Notlage einer befreundeten Familie (defektes Fahrzeug). Im Grunde stehen mit »Urlaub« und »Auto« aber zwei Luxusgüter auf dem Prüfstand, die in unserer Gesellschaft zugegebenermaßen einen sehr hohen Stellenwert haben. Eine Güterabwägung für diese spezielle Situation sollte berücksichtigen: Wie groß ist die Notlage der Freunde? Lassen sich alternative (Übergangs-)Lösungen finden? Wie groß ist der familiäre Schaden, wenn der Familienurlaub abgesagt wird? Für den Fall eines Urlaubsverzichts würde ich erwarten, dass die fünfköpfige Familie bei der Entscheidung einen Konsens erreicht. Eine geistliche Regel oder einen Automatismus zum Helfen halte ich in diesem Falle für unangebracht. Ich sehe hier einen typisch deutschen Wertekonflikt.


Dr. Andreas Franz ist Studienleiter der Theologisch-Missionswissenschaftlichen Akademie »TheMA« und Vorsitzender der ­Arbeitsgemeinschaft Pfingstlich-Charismatischer Missionen.


Antwort 2: Dr. Thomas Weißenborn

Ein Auto gehört nicht zu den Grundbedürfnissen einer Familie, weshalb man hier nicht von einer Beistandsverpflichtung reden kann, auch wenn ein Auto vielleicht die Voraussetzung dafür ist, dass der Mann einfacher wieder einen Job bekommt. 300 Euro pro Person für einen Jahresurlaub auszugeben, ist zwar ein gewisser Luxus, aber sicher kein Exzess, der das Maß weit überschreitet. Insofern müsste die andere Familie auch kein schlechtes Gewissen haben, schließlich hat sie für die 1.500 Euro einige Nachteile in Kauf nehmen müssen (»mehr Arbeit«).

Auch wenn damit aus ethischer Sicht eigentlich kein Problem besteht, kann man die ganze Geschichte jedoch als Chance begreifen, durch die der Hauskreis etwas mehr zu der christlichen Gemeinschaft wird, die er zu sein vorgibt. Dazu müssten sich beide Familien zusammensetzen und die Situation beraten.

Wichtig wäre dabei, dass nicht nur alle dasselbe Stimmrecht haben (auch die Kinder, die den eventuellen Ausfall des Urlaubs ja mittragen und gutheißen müssen), sondern, dass es auch zu einem wirklichen Austausch im Sinne von 2. Korinther 8,13-15 kommt. Die »arme« Familie soll also nicht als Bittsteller auftreten und die »reiche« nicht als Gönner. Vielmehr sind beide »arm« und gleichzeitig »reich« – wenn man auf mehr schaut als nur die materiellen Dinge, also auch auf Fähigkeiten, geistliche Gaben, praktische Möglichkeiten und vieles mehr. Auf dieser Grundlage kann es daher zu einem echten Austausch (keinem Handel!) kommen, in dem jede Familie das empfängt, was sie nötig hat, und das gibt, was die andere braucht.


Dr. Thomas Weißenborn ist stellvertretender Direktor am Marburger ­Bildungs- und Studienzentrum, an dem er u.a. Dogmatik ­unterrichtet. Er ist Autor mehrerer Bücher.

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