Gemeinsam glauben

Geht Julia in eine Sekte?

Wann eine Gemeinde sektenhaft wird


Anregungen, ungesunde Strukturen bei der eigenen Gemeinde zu identifizieren.

Von Harald Sommerfeld

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Sprecherin: Mechthild Puhlmann

Seit kurzem geht Julia in eine neue Jugendkirche ihrer Stadt. Der Mutter fallen Veränderungen an Julias Verhalten auf: Sie verbringt viel Zeit mit ihren neuen Freunden, hat eine Bibel auf dem Nachttisch liegen und schlägt in besonderen Situationen schon mal vor, man könne jetzt doch beten. Als Julias Mutter Doris ihrer Schwester davon berichtet, fragt diese besorgt: »Deine Julia ist doch wohl nicht in einer Sekte gelandet?«

Julias Mutter forscht

Wen soll Doris fragen? Den Sektenbeauftragten der evangelischen Landeskirche, den katholischen Ortspfarrer, Julias Religionslehrer? Und kann man Sekten so einfach von »richtigen« Kirchen und Gemeinden unterscheiden, wie der Vogelkundler anhand bestimmter Merkmale jeden Hühnervogel von einem Gänsevogel unterscheiden kann? Ob ihr die Wikipedia weiterhilft?

»Sekte ist eine ursprünglich wertneutrale Bezeichnung für eine philosophische, religiöse oder politische Gruppierung, die sich durch ihre Lehre oder ihren Ritus von herrschenden Überzeugungen unterscheidet und oft im Konflikt mit ihnen steht. Insbesondere steht der Begriff für eine von einer Mutterreligion abgespaltene religiöse Gemeinschaft.« (Quelle: Wikipedia)

Dass immer wieder neue religiöse Gruppen entstehen, fände Doris an sich nicht bedenklich. Werden nicht auch immer wieder neue Parteien gegründet?

Doris fängt an, nachzuforschen. Früher legte die jeweils offizielle Kirche fest, wer eine »Sekte« war. In ihrer Stadt wurden die Protestanten noch vor hundert Jahren von der katholischen Kirche so bezeichnet. Heute veranstalten beide gemeinsam den ökumenischen Gottesdienst zum jährlichen Marktfest. Mit viel Google und manchem Glas Rotwein findet sie noch interessantere Dinge heraus.

In Lateinamerika beklagen sich die Katholiken über die »protestantischen Sekten«, die ihnen ihre Mitglieder abwerben. Hier sitzen sie mit denselben Freikirchen im »Arbeitskreis christlicher Kirchen« an einem Tisch. Hängt es vom Jahrhundert oder vom Erdteil ab, ob eine Gruppierung eine Sekte ist? Und was ist mit Ländern, in denen es gar keine »offizielle« Kirche gibt? Ist in den USA jede Kirche eine Sekte?

Doris denkt an ihren Opa, der sie früher – so meint sie sich zu erinnern – vor Sekten gewarnt hatte, weil die »außer der Bibel noch etwas anderes glauben«. Er hatte besonders eine Gemeinde im Auge, die damals in ihre Stadt gekommen war: »Das ist eine gefährliche Sekte mit einem unbiblischen Glauben.« Ein Mitglied dieser Gemeinde hatte ihr später einen Flyer (»Traktat« nannte er das) in die Hand gedrückt. Darauf hatte sie gelesen: »Die XY-Gemeinde ist keine Sekte. Sie glaubt der ganzen Heiligen Schrift und hat keine darüber hinausgehende Grundlage für ihre Lehre.« Wer hatte Recht? Ihr Opa oder diese Leute? Und ist das überhaupt noch von Bedeutung? Schließlich nehmen sowohl die Gemeinschaft, die ihr Opa besucht hatte, als auch die Gemeinde, die er verteufelt hatte, inzwischen gemeinsam an der »Allianzgebetswoche« teil. »Sekte« scheint also kein unveränderliches Kennzeichen zu sein.

Sektenähnliche Züge in Gemeinden

Mir sind im Laufe meines Lebens wiederholt Menschen begegnet, die sich wie Julias Mutter in diesem fiktiven Beispiel Sorgen machten, dass der Sohn oder die Freundin in einer sektenähnlichen Gemeinschaft gelandet war. Sie waren ehrlich besorgt, ob es der betroffenen Person gut tat, dorthin zu gehen. Sie wollten wissen, ob der Einfluss, dem sie in dieser Gruppe ausgesetzt waren, gesund für sie war. Diese Fragen kann man nicht einfach entscheiden, indem man ein Etikett aufklebt.

In vielen Gemeinden gibt es Leute, die andere manipulieren wollen oder mit seltsamen Ideen kommen, die also – wenn man so will – sektenähnliche Merkmale in die Gemeinde bringen. Wir Menschen sind bei allem, was wir tun, imstande, es auf ungesunde Weise zu tun – auch beim Glauben. Wichtig ist, ob das Randerscheinungen bleiben, mit denen verantwortlich umgegangen wird, oder ob sie eine Gemeinde prägen.

Und da wären Gemeinden, anstatt selbstverständlich davon auszugehen, dass Sekten immer die anderen sind, gut beraten, sich einmal selbst in Augenschein zu nehmen. Wie sieht es in Bezug auf die folgenden Fragen bei uns aus? Wenn bei einigen von diesen Merkmalen das Gewicht deutlich stärker beim zweiten Begriff liegt, dann riecht das Ganze schon etwas sektiererisch. Dann sollten wir uns Gedanken machen. Folgende Merkmale können bei der Einschätzung hilfreich sein:

1. Gesunde oder autoritäre Leitung

Wie gehen die Personen, die die Gemeinde leiten, mit ihren Leuten um? Erklären sie, warum sie bestimmte Entscheidungen getroffen haben? Werden die Gemeindemitglieder in Entscheidungen einbezogen? Ist offene Aussprache möglich und gewollt? Wie reagiert die Leitung, wenn man sie kritisiert oder hinterfragt? Steht schnell der Vorwurf der »Rebellion« oder der »mangelnden Unterordnung« im Raum? Betonen die Leiter, dass sie von Gott eingesetzt sind und der Gehorsam gegen Gott deshalb auch den Gehorsam ihnen gegenüber einschließt?

2. Förderung oder Entmündigung der Gemeindemitglieder

Werden die Mitglieder der Gemeinde in ihrer Mündigkeit respektiert? Werden sie aufgefordert, sich selbst aus der Bibel eine Meinung zu bestimmten Fragen zu bilden? Oder fühlen sie sich häufig unter Druck, die Dinge so sehen zu müssen, wie das von vorne vorgegeben wird? Gibt es Leute, die ihre Lebensführung reglementieren wollen? Werden in dieser Gemeinde Menschen als Propheten bezeichnet (was an sich nicht schlimm ist)? Aber wenn ja, kommt es vor, dass diese Propheten Leuten sagen, welche Aufgabe sie übernehmen, welchen Beruf sie ergreifen oder gar wen sie heiraten sollen? Geht es immer nur darum, dass sich alles dem großen gemeinsamen Ziel unterzuordnen habe, oder wird der Einzelne gefragt, wo er sich gern einbringen würde, weil es ihm Freude macht, und wie er gefördert werden könnte?

3. Ein gutes Miteinander mit anderen Christen oder religiöser Elitarismus

Wie redet man in der Gemeinde über andere Gemeinden in der Stadt? Schätzt man sie und sucht die Zusammenarbeit mit ihnen? Oder wertet man sie eher als überholt und verstaubt ab und spricht ihnen den vollen geistlichen Durchblick ab? Fühlen die Leute sich einfach nur in der speziellen Atmosphäre und Prägung ihrer Gemeinde wohl, oder wird ihnen der Eindruck vermittelt, zu einem ganz besonders auserwählten Kreis zu gehören?

4. Gute Beziehungen zu Nichtchristen oder sozialer Rückzug

Ist die Gemeinde interessiert daran, was um sie herum passiert, oder hat sie nur ihren eigenen »Erfolg« im Blick? Spricht man darüber, wie man Außenstehenden »dienen« kann, oder nur darüber, wie möglichst viele für die Gemeinde gewonnen werden können? Treffen sich die Leute öfter mit Freunden von außerhalb der Gemeinde, um mit ihnen ihre Freizeit zu verbringen, oder sind sie fast nur noch unter sich? Versucht man, sie eher von privaten Kontakten zu Nichtchristen abzuhalten? Wenn neu hinzugekommene Jugendliche berichten, dass ihre Eltern wegen der neuen Gemeinde Stress machen: Zeigt man Verständnis für die Eltern und gibt Ratschläge, wie man in einer guten Beziehung zu ihnen bleiben und die Dinge klären kann? Oder sind die Eltern »Werkzeuge des Satans«, durch die man sich nicht vom Glauben abhalten lassen darf?

5. Mit beiden Beinen auf dem Boden oder Realitätsverlust

Nicht alles, was über unseren persönlichen Erfahrungshorizont hinausgeht, muss deshalb gleich falsch sein. Ich habe schon miterlebt, dass nach Gebet außergewöhnliche Dinge passiert sind. Leute sind zum Beispiel auf eine Art gesund geworden, für die der Arzt keine Erklärung hatte. Wichtig ist, dass der Bezug zum normalen Leben nicht verloren geht.

Wie geht es Menschen in der Gemeinde, wenn ihre Gebete anscheinend nicht erhört werden? Haben sie dann das Gefühl, dass sie »nicht richtig gebetet« oder »nicht genug geglaubt« haben, oder wird ihnen gar ständig eingeredet, sie müssten nur mehr glauben? Wenn Leute ein Problem haben, wird dann auch darüber gesprochen, was sie selbst zu seiner Lösung beitragen können oder welcher fachkundige Rat hilfreich sein könnte? Oder ist immer nur vom Teufel die Rede, dem man widerstehen müsse, weil er hinter so ziemlich jedem Problem vom schlecht gelaunten Lehrer bis zum misslungenen Kuchen stecke? Oder wird sogar verlangt, dass Kranke glauben sollen, dass sie gar nicht mehr krank sind?

6. Normaler oder druckvoller Umgang mit Geld

Im Gegensatz zur Landeskirche finanzieren sich freie Gemeinden über die Spenden ihrer Mitglieder. Die fallen oft deutlich höher aus als die Kirchensteuer. Vielleicht fühlen sich die Mitglieder wegen der direkten Unterstützung besonders eng mit ihren Gemeinden verbunden. Wichtig ist jedoch, dass das Spendengeben freiwillig und ohne Manipulation geschieht.

Wie wird das in deiner Gemeinde gehandhabt? Spricht man gar nicht öffentlich vom Geld? Wird die Kollekte als Möglichkeit, Gott seine Dankbarkeit auszudrücken, angeboten oder als Beitrag für die Finanzierung der Gemeindearbeit nahegelegt? Oder wird ständig Druck ausgeübt, noch mehr zu geben? Kommt es vor, dass die Kollektenansage fast so lang ist wie die Predigt?

Der Gemeinde-Check

Überlege dir, wo auf einer Skala von 1 bis 10 deine Gemeinde in den sechs Bereichen liegt. Wenn sie in mehreren Bereichen über 5 Punkte hat, solltest du dich damit näher beschäftigen. Es könnten einige »sektenähnliche Züge« vorliegen. Sprich allerdings nicht gleich lauthals von »geistlichem Missbrauch«. Es könnte auch sein, dass du nur unsicher, empfindlich oder gerade kritisch drauf bist und die Dinge etwas krasser siehst, als sie sind. Oder dass manches einfach nicht mehr dein Ding ist, womit andere noch gut umgehen können. Aber darüber das Gespräch zu suchen, würde nicht schaden.

  1. Gesunde Leitung <-> Autoritäre Leitung
  2. Förderung der Gemeindemitglieder <-> Entmündigung der Gemeindemitglieder
  3. Gutes Miteinander mit anderen <-> ChristenReligiöser Elitarismus
  4. Gute Beziehungen zu Nichtchristen <-> Sozialer Rückzug
  5. Mit beiden Beinen auf dem Boden <-> Realitätsverlust
  6. Normaler Umgang mit Geld <-> Druckvoller Umgang mit Geld

Harald Sommerfeld

Harald Sommerfeld ist verheiratet, Vater von vier erwachsenen Kindern und wohnt in Berlin. Er hat Mathematik und Theologie studiert und als Pastor und Dozent gearbeitet. Seit 2007 arbeitet er freiberuflich als »Berater für urbane Transformation«, um Christen auf dem Weg zu stärkerem gesellschaftlichen Engagement zu unterstützen. Außerdem ist er Vorsitzender des Netzwerks »Gemeinsam für Berlin«. www.transformission.de

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