Jesus nachfolgen

Die Kunst des Sehens


Spricht Gott auch heute noch direkt zu uns? Klar, sagt unsere Autorin und weiß Einiges aus ihrem Leben dazu zu berichten.

Von Kerstin Schellenberger

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Sprecherin: Mechthild Puhlmann

Wir sitzen mit guten Freunden zusammen in unserem Wohnzimmer und wollen für das vor uns liegende Jahr beten. Mich beschäftigt zur Zeit nur ein Anliegen: Ich wünsche mir sehnlichst ein Kind, das seit Monaten auf sich warten lässt. Irgendwann, während wir beten, bringt meine Freundin mein Herzensanliegen vor Gott, wird nach einiger Zeit still, greift zur Bibel und beginnt zu lesen. Ich merke, dass sie innerlich kämpft. Kurze Zeit später liest sie mir vor, wie Gott Abraham und Sara einen Sohn ankündigt – »Nächstes Jahr, um diese Zeit, komme ich wieder zu euch, und dann wird Sara einen Sohn haben.« [1] Meine Freundin meint, es koste sie Mut, diese Stelle für mich herauszunehmen, aber sie kann nicht anders. In einem Jahr komme ich wieder zu dir – und dann wirst du ein Kind haben. Es fällt mir schwer zu beschreiben, was diese Worte in mir auslösten. Hoffnung, aber auch Unsicherheit, vielleicht ein Stückchen Unglauben. Warum sollte Gott gerade mir mein Kind so »dramatisch« ankündigen?

Dass wir Gott so konkret um sein Reden bitten, war nicht immer so. Auch wir als Hauskreis streckten uns damals nicht gerade nach Prophetie [2] aus. Andere Dinge waren uns wichtiger und hätte man in unsere Runde gefragt, wer diese Gabe besitzt, hätte sich vielleicht gerade mal eine Person gemeldet. Die anderen hätten darauf hingewiesen, dass sie Gaben in anderen Bereichen haben, aber nicht im Prophetischen. Zur Bestätigung hielt der Gabentest her, der uns scheinbar genau aufzeigte, über welche Gaben wir verfügten – oder eben nicht.

Diese Selbsteinschätzung ist rückblickend nicht haltbar. Sie vereinfacht vielleicht das Leben, indem man sich nicht auf unbekanntes Terrain einlassen muss. Aber genauso beschneidet sie auch unser Leben, weil es eine Dimension unseres persönlichen Glaubenslebens ausblendet. Wenn man eine bestimmte Gabe nicht hat, bedeutet das nicht, dass man diese Sache gar nicht kann. Das würde bedeuten, dass jemand, der nicht die Gabe der Gastfreundschaft besitzt, einen Gast nicht herzlich empfangen könnte. Genauso ist es bei Prophetie auch.

Es macht also mehr Sinn, sich zu fragen, wie stark man über die Gabe der Prophetie verfügt, und nicht, ob man überhaupt prophezeien kann. Diese Erkenntnis führte uns als Hauskreis zu einer Sinnesänderung und ermutigte uns sehr, einfach auszuprobieren, was passiert, wenn wir Gott bitten, zu uns zu sprechen. Prophetie ist nicht nur etwas für wenige besonders geistliche Menschen. Ja, wir sollen geistlich wachsen, aber Prophetie ist nicht die Belohnung dafür, ein bestimmtes geistliches Level erreicht zu haben. Gott lässt keinen Zweifel daran, dass wir seine Stimme hören können. [3] Wenn wir seine Stimme, also auch seine Worte, hören, können wir auch weitergeben, was er sagt.

Hören

Gott verwendet gegenüber uns die Sprache, die in großen Teilen mit unserer Sprache übereinstimmt. Oft entspricht dies dem, was wir am besten wahrnehmen können – sei es Hören, Sehen oder unser Gefühl. Das ist bei jedem Menschen anders verteilt, und Gott spricht auch zu jedem in einer anderen Form. Wir als Hauskreis haben Gott schon sehr unterschiedlich erlebt. Von klaren Worten oder Sätzen, über innere starre oder bewegliche Bilder bis hin zu diffusen Empfindungen war vieles dabei. Bei manchen Menschen kristallisiert sich mehr heraus, auf welche Art und Weise Gott spricht, bei anderen weniger.

Bei mir ist es zum Beispiel so, dass Gott oft durch Bilder, die ich vor meinem inneren Auge sehe, zu mir spricht. Manchmal verändern oder bewegen sich die Bilder auch, während ich hinsehe, manchmal ist es fast wie ein »hineinzoomen«. Eine meiner Freundinnen hört Gott eher durch ausformulierte Worte, eine andere bekommt häufig ausgewählte Bibelstellen, die sie weitergibt. Fast immer lässt sich Gottes Reden als interne Wahrnehmung, wozu Gedanken oder innere Bilder gehören, beschreiben. Im Vergleich dazu kommt es deutlich seltener vor, dass wir Gott durch externe Geschehnisse, wie beispielsweise in offenen Visionen, hören. Aber egal wie – wenn Gott gesprochen hat, ist es Gott, sei es nun durch innere oder externe Wahrnehmung.

Interpretieren

Wir können den Inhalt von Gottes Botschaften am besten verstehen und interpretieren, wenn wir gut darauf achten, welche Gefühle wir empfinden, während wir beispielsweise ein Wort empfangen. Fühlt sich die Botschaft beruhigend oder warnend, besänftigend oder herausfordernd, aufmunternd oder beschwichtigend an? Diese oft sanften oder unterschwelligen Empfindungen tragen erheblich dazu bei, einen vielleicht zunächst sachlich klingenden Inhalt richtig einordnen zu können.

Weitergeben

Habe den Mut, einfach auszuprobieren. Fehler sind keine Katastrophe. Um einen geschützten Raum zum Ausprobieren zu finden, ist es ratsam, dir zum »Üben« jemanden zu suchen, dem du vertraust und der dir vertraut. Jemand der für dich ist, wird dir keinen Strick daraus drehen und dir keine Vorwürfe machen, wenn du dich schwer tust. Wenn du Gott bittest, zu dir zu reden und du hörst, siehst oder fühlst etwas, kannst du davon ausgehen, dass es auch von Gott ist. Wenn es keinen äußeren Grund für eine bestimmte Wahrnehmung gibt, ist es mit hoher Wahrscheinlichkeit von Gott. Mir ist es auch schon mehr als einmal passiert, dass ich etwas für mich sehr Unsinniges gesehen habe. Zum Beispiel habe ich für eine Person, die in der IT-Branche tätig war, ein Bild mit einem Pinguin gesehen. Für mich ergab es überhaupt keinen Sinn, wie der Pinguin in meinem Bild gehandelt hat. Was ich nicht wusste – der Pinguin ist das Maskottchen des Open-Source Betriebssystems »Linux«. Mein Gegenüber konnte sehr wohl etwas mit dem Bild anfangen.

Geben wir Gottes Wort an andere Menschen weiter, ist es sehr wichtig, dass wir darauf achten, nicht sein Wort mit unserer menschlichen Wahrnehmung zu verknüpfen. Das drückt sich darin aus, welche Worte wir wählen. Sagen wir: »Gott sagte, dass …« hat es eine andere Aussage als: »Mein Gedanke ist, dass …« oder »Ich empfinde …« Nichts davon ist entweder richtig oder falsch – vorausgesetzt, es entspricht dem, was wir gehört oder empfunden haben.

Hilfreich ist es hier, genau zu formulieren, was du weiter gibst: »Ich beschreibe dir jetzt ein Bild, das ich gesehen habe: …«, »Gott hat mir Folgendes gesagt: …«, und wenn es darum geht, ein Bild auszulegen: »Ich interpretiere das so: …« oder »Ich denke, das könnte … bedeuten«. Dadurch hat die empfangende Person beim späteren Nachdenken über die Prophetie die Gelegenheit, zwischen der direkten Botschaft von Gott und der Interpretation zu unterscheiden. Für das Weiterarbeiten mit der Prophetie ist es übrigens sehr hilfreich, wenn diese zuvor irgendwie aufgenommen wurde.

Das Gehörte auszusprechen bleibt immer ein gewisses Risiko, aber mit Zeit und Erfahrung lernt man immer besser, Gottes Stimme zu erkennen.

Empfangen

Nicht nur der Geber eines prophetischen Wortes muss verantwortungsvoll damit umgehen, auch der Empfänger. Hier, in aller Kürze, ein paar wichtige Aspekte, auf die du als Empfänger Wert legen solltest. Achte, wenn du eine Prophetie erhältst, darauf, was sie in deinem Inneren auslöst. Spricht dich der Inhalt an? Berührt er etwas in dir? Prüfe die Worte mit Hilfe des Heiligen Geistes. Das kann zum Beispiel so aussehen, dass du Gott bittest, dir die Worte zu bestätigen. Stimmen sie mit den Werten der Bibel überein? Unterscheide zwischen Gottes Offenbarung und menschlicher Interpretation. Was hat Gott konkret gesagt? Was hat das in dir ausgelöst? Und was wurde von Menschen – vom Empfänger des Wortes oder von dir – als Auslegung hinzugefügt?

Durchstarten

Besonders, wenn man beginnt, prophetisch für andere Menschen zu beten, hilft es, sehr konkret um etwas Bestimmtes zu bitten. Wir dürfen hier auch Experimente wagen. Wenn ihr in einer kleinen Gruppe füreinander betet, bittet Gott zum Beispiel euch einen Hut für die Person rechts neben euch zu zeigen, und euch zu sagen, was er damit aussagen möchte. Auch wenn es befremdlich klingt, traut euch ran, Gott wird sprechen – er gibt uns keine Steine, wenn wir ihn um Brot bitten. [4] Trotzdem empfehle ich euch, jemanden dabei zu haben, der schon Erfahrungen im Prophetischen gesammelt hat und euch weiterhelfen und Feedback geben kann.

Prophetisch füreinander zu beten bzw. füreinander zu prophezeien bereichert unser Leben sehr. Mich beeindruckt vor allem, Gottes Größe darin zu entdecken. Das beginnt bereits während des Empfangens und Weitergebens von seinen Prophezeiungen – Gott offenbart sich in jeder Prophezeiung ein Stück weit selbst. Dass er mich an seiner Größe, an seinen Gedanken und seinen Plänen teilhaben lässt, erfüllt mich mit Ehrfurcht, Staunen und Dankbarkeit.

Unerklärbar

Viele Prophetien sind unspektakulär und leicht erklärbar – wenn Gott mir beispielsweise durch eine andere Person sagen lässt, dass ich sehr wertvoll für ihn bin, dann tut mir das gut, und es ist zweifelsfrei wahr. Ich kann es auch in der Bibel nachlesen. Aber es ist eben unspektakulär und kann als rationelles Wahrnehmen abgetan werden. Mein Vertrauen in Prophetie ist besonders durch rational unerklärbare Prophetien, die sich dann erfüllt haben, gewachsen. Sie haben mich ermutigt, im Prophetischen weiter zu gehen und weiter zu lernen.

Eine der spektakulärsten Prophetien, die ich erlebt habe, war die Ankündigung unseres Kindes. Bereits kurze Zeit, nachdem unsere Freundin diese eindrucksvolle Vorankündigung ausgesprochen hat, hielten wir einen positiven Schwangerschaftstest in den Händen, neun Monate später unsere Tochter im Arm.


Fußnoten:

  1. 1. Mose 18,10
  2. Unter Prophetie ist in diesem Text gemeint, Gottes Stimme zu hören und weiter­zugeben. Dies ist nur ein Aspekt von Prophetie.
  3. Johannes 10,16
  4. Matthäus 7,7-11

Kerstin Schellenberger

Kerstin Schellenberger lebt mit ihrem Mann Jörg und ihren drei Töchtern in Ansbach. Wenn sie nicht gerade mit anderen Müttern und deren Kindern unterwegs ist, genießt sie es, ihrer Kreativität in Haus und Küche freien Lauf zu lassen.

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