Jesus nachfolgen

Ende im Gelände


Mit der Postmoderne wurde unsere Welt und unser Glaube immer komplexer. Dabei wurde vielfach alles hinterfragt und bisher sicher Geglaubtes dekonstruiert.

Von Michael Zimmermann

Anja ist in Bayern aufgewachsen und lebt mittlerweile in Berlin. Vom Katholizismus ihrer Kindheit hat sie sich in einem schmerzhaften Prozess emanzipiert. Dennoch überlegt sie heute, ihrer Tochter die Rituale dieser Religion anzubieten, unter der sie selbst als Kind gelitten hat. Sie hofft, ihrem eigenen Kind damit eine Herkunft zu geben. Einen festen Grund, auf dem es stehen kann. Paradox.

Die Journalistin Jana Hensel, die diese Geschichte im ZEITmagazin Nr. 51 vom 15. Dezember 2010 erzählt, ist selber auf der Suche. Sie erklärt: »Meine Suche nach einem festen Untergrund entspringt keiner konservativen Sehnsucht. Ich glaube nicht, dass es auf die schwierigen Fragen der Gegenwart einfache Antworten aus der Vergangenheit geben kann. Mehr aber weiß ich im Moment auch nicht zu sagen. Ich habe nur die Hoffnung, dass man die Auflösungsprozesse bewältigen kann. Mit Liebe vielleicht.«

Was ist passiert?

Die Philosophen der Postmoderne stehen mit uns gemeinsam vor dem Scherbenhaufen ihrer eigenen Dekonstruktion und fassen zusammen: »Schaut euch die Scherben an. Wir haben alles hinterfragt und nichts hat Stand gehalten. Wir haben alles in seine Einzelteile zerlegt und entdeckt, dass die einfachen Antworten nicht tragfähig sind. Es ist eindeutig komplexer als gedacht.«

Und somit stellen wir fest: Die Postmoderne hat so lange Bestehendes hinterfragt, Meinungen dekonstruiert und Überzeugungen aufgeweicht, bis sie in ihrer zynischen Überlegenheit blind dafür wurde, dass ihre Nicht-Antworten zu keinem nächsten konstruktiven Schritt führen.

Die Frage ist: Wie machen wir jetzt weiter? Zurück zu den festen Überzeugungen der Moderne können wir nicht. Dafür war das postmoderne Hinterfragen zu erhellend und die Dekonstruktion zu endgültig. Bleibt uns nur der Weg nach vorne. Nehmen wir also die vor uns liegenden Scherben in die Hand und wagen das Experiment, sie neu zusammenzusetzen. Nur: Welche Teile erhalten wir und welche nicht? Und was wird bei dem Neu-Zusammensetzen entstehen?

Eine neue Zeit

Es ist schwierig – oder soll ich sagen: vermessen? – in Echtzeit das Ende einer gerade noch bestehenden Epoche zu verkünden. So etwas geschieht für gewöhnlich im Nachhinein. Da wird in der Retrospektive erkannt, dass ein bestimmtes Ereignis eine Zeitenwende eingeläutet hat und man sagt in der Beobachtung vergangener Ereignisse: Hier war diese oder jene Epoche zu Ende und wurde von dieser oder jener abgelöst.

Dennoch wage ich die Behauptung, dass sich eine neue Zeit abzeichnet: Das Zeitalter des Neu-Zusammensetzens. Bestehende Überzeugungen und konservative Werte kommen als Fragmente auf den Prüfstand und werden neu entdeckt. Damit meine ich nicht den von Erz-Konservativen und evangelikalen Trittbrettfahrern ausgerufene Neo-Konservativismus, sondern der heimlich entstehende, vermeintlich unreligiöse, neue Konservativismus, der genug hat vom ›Anything goes‹ und von der grenzenlosen Dekonstruktion.

Wir sehnen uns wieder nach so etwas wie einem Fundament. Etwas, woran wir unser Leben und unsere Entscheidungen ausrichten können und worauf wir irgendwann auch unsere Kindererziehung aufbauen können. Dass wir uns danach sehnen, zeigt, dass die Beliebigkeit, mit der wir aufgewachsen sind, uns nicht dauerhaft zufriedenstellt – eine Erkenntnis, die wir teilweise leidvoll erfahren mussten. Beliebigkeit bedeutet gleichsam, nichts zu wissen und somit auch nichts zu wollen. Aber das passt uns nicht. Denn wir haben ja schließlich das Bedürfnis, etwas zu wollen. Zunehmend nervt es, dass wir nicht sagen können, was genau das ist. Also experimentieren wir mit einzelnen Überzeugungen und legen uns hier und da wieder auf etwas fest. Auf dies oder auf das oder auf jenes.

Dabei schielen Einzelne neidisch auf andere, die scheinbar schon etwas weiter sind in ihrer Suche nach einer festen Basis. Der eigenen individuellen Grundlage. Immerhin scheint zumindest diese eine Person überzeugt davon zu sein, was sie will. Und das alleine gibt der Sache eine gewisse Wertigkeit. »Du hast es gut, du kannst glauben. Ich wünschte, ich könnte das auch«, hört man als Glaubender immer häufiger.

Einmischung

Dass wir uns wieder einmischen in Politik und Gesellschaft, wird nicht nur an der Art der Bürgerbeteiligung deutlich, die Stuttgart21 und die neu aufflammende Anti-Atomkraft-Bewegung im Laufe des Jahres 2010 gezeigt haben. Ein weiteres Beispiel dafür ist die mit über 134.000 Mitzeichnern erfolgreichste Petition in der Geschichte Deutschlands. Die 29-jährige Franziska Heine hatte im Frühjahr 2009 diese Petition gegen Internetsperren ins Leben gerufen.

»Ihr werdet euch noch wünschen, wir wären politikverdrossen«, lautet ein Twitter-Eintrag, der die Situation unter Bloggern und Netzaktivisten im Sommer 2009 auf den Punkt brachte. Die damalige Familienministerin Ursula von der Leyen hatte ein Gesetzesvorhaben, das als Maßnahme gegen die Verbreitung von Kinderpornografie im Internet gedacht war, auf den Weg gebracht. Daran wurde kritisiert, dass das Gesetz Kinderpornografie nicht bekämpfe, sondern lediglich vertusche. Es sei dagegen dazu geeignet, unerwünschte Netzinhalte aller Art auszublenden und eine schleichende Zensur inklusive überwachungsstaatlicher Methoden einzuführen. Protest machte sich breit – man sprach sich für eine dauerhafte Löschung von kinderpornografischem Inhalt und gegen eine oberflächliche Sperre aus.

Dieses Beispiel verdeutlicht unseren Wunsch nach echten, tiefgreifenden Lösungen. Ein Phänomen, das auch in der zunehmenden Forderung nach tatsächlich fairen und tatsächlich umweltverträglichen Produkten und Produktionsweisen erkennbar wird. Wir wollen mitmischen, gestalten, für etwas stehen. Und uns dabei nicht verarschen und am wenigsten instrumentalisieren lassen – weder politisch noch im Kontext einer Gemeinde oder Kirche.

Mein Glaube

Mit Unbehagen stelle ich fest, wie die Postmoderne an der kindlichen Selbstverständlichkeit meines Gottesvertrauens nagt. Um mich herum sind alle Überzeugungen so gründlich dekonstruiert worden, dass ich um die tiefe Sicherheit meiner Überzeugung »Gott ist da!« bange.

Nach der eigenen post-charismatischen Auseinandersetzung mit dem, was ich als Kind und Teenager geglaubt habe, stehe ich vor dem Scherbenhaufen meines Glaubens und entdecke darin die Scherbe meines Gottvertrauens. Steht ihr weitere Zersplitterung bevor? Oder kann und will ich sie davor bewahren?

Ich bin versucht, diese kostbare Scherbe aufzuheben und sie vor noch mehr Dekonstruktion zu beschützen. Aber: Darf ich das? Darf ich glauben wie ein Kind, dass Gott da ist? Darf ich naiv sein in meinem Gottvertrauen oder blende ich damit die allseits beschworene Komplexität des Lebens und Glaubens unreflektiert aus? Ist hier wohlmöglich die Trennung zwischen rationaler Logik und irrationalem Glauben zu finden? Dass Gott existiert, dass er da ist, ist vielleicht nicht logisch; aber ist es deshalb nicht dennoch möglich?

Mich nervt, wie sehr der deutsche Philosoph und Vater postmodernen Denkens Friedrich Nietzsche die Überzeugung geprägt hat, dass es keine absolute Wahrheit und keinen Gott gebe. Das nervt mich gewaltig. Ich will nämlich glauben und das tue ich auch.


Michael Zimmermann

Michael Zimmermann ist selbstständiger Grafikdesigner und Redakteur bei oora. Er lebt mit seiner Frau und zwei Töchtern in Kassel, liebt Radreisen und gute Filme. Außerdem verfolgt er begeistert das Weltgeschehen und was im Netz so los ist. michaelzimmermann.com

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