Jesus nachfolgen

Erwachsen glauben


Der Glaube eines Menschen ist nichts Statisches, er kann sich entwickeln und reifen. Unser Autor erzählt, wie das bei ihm aussieht.

Von Gernot Rettig

Anfang

Mitten in einer großen Lebenskrise kam ich zum Glauben. Ich war 22 Jahre alt und hatte ein paar Monate zuvor in einem charismatischen Gottesdienst die Erfahrung gemacht, dass es wohl doch so etwas wie einen Gott geben muss.

Durch den Glauben und die vielen Gebete befreundeter Christen fand ich nach ein paar Monaten aus meiner Lebenskrise heraus. Ich brach mein Musikstudium ab und fing an, mein Leben neu auszurichten. Beruflich war ich am Nullpunkt angekommen, so nahm ich mir irgendwann ein paar Tage Zeit, um ganz bewusst zu beten und zu fasten und so meine Berufung von Gott zu empfangen. Deutlich empfand ich das Reden Gottes, Pastor zu werden. Das alles geschah im Frühjahr 1992. Ich erinnere mich liebend gerne an diese Zeit, die so spannend und voller Dynamik und Begeisterung war und die auch ganz stark meinen Frömmigkeitsstil und mein Leben mit Jesus geprägt hat.

Ich habe in dieser Zeit erlebt, was ich später im Bibelabschnitt in 1. Johannes 2,12-14 wiederfand. Dort heißt es: »Dies schreibe ich euch, meine geliebten Kinder, weil ich weiß, dass eure Schuld durch Jesus Christus vergeben ist. Euch Vätern schreibe ich, weil ihr den kennt, der von Anfang an da gewesen ist. Ich schreibe aber auch euch, ihr jungen Leute; denn ihr habt den Bösen besiegt. Euch Kindern schreibe ich, weil ihr den Vater kennt; ebenso habe ich euch Vätern geschrieben, weil ihr den kennt, der von Anfang an da war. Und euch, ihr jungen Leute, habe ich geschrieben, weil ihr in eurem Glauben stark geworden seid. Gottes Wort wohnt in euch, und ihr habt den Bösen besiegt.«

Der Text beschreibt das geistliche Wachstum eines Christen, das an die Entwicklung eines Menschen angelehnt ist. Vom Kind zum Jugendlichen ins Erwachsenenalter – übertragen verläuft so auch der Reifeprozess eines Gläubigen. So war es auch bei mir. Nach meiner Bekehrung und der Überwindung meiner Lebenskrise war es mir, als schwebte ich durch den Tag. In meinem Leben hatte ich plötzlich eine ganz andere Qualität, die ich nur mit Worten wie Freude, Begeisterung und Leichtigkeit beschreiben kann. Ich war einfach glücklich. Meine Sünden waren mir vergeben (und davon gab es genug!) und ich wusste, der Vater liebt mich. Mehr brauchte ich nicht. Das war mein Credo.

Wachstum

Je mehr ich in der Bibel las, desto klüger fühlte ich mich. Ich konnte im Bibelkreis mitdiskutieren, fand im Gebet die richtigen Worte, brachte mich auf vielen Ebenen im Gemeindeleben ein. Im Herbst 1995 begann ich mein Bibelschulstudium, ein Jahr später wurde ich als Praktikant in unserer Gemeinde angestellt. Ich hatte mittlerweile eine klare Vorstellung entwickelt, wie Gemeinde und Christsein aussehen sollten. Wie im Text des Johannesbriefs, so fühlte ich mich als Jüngling, der gegenüber den »Neubekehrten« viel zu sagen hatte. Von älteren Geschwistern ließ ich mich ebenfalls nicht einschüchtern. Immerhin hatte ich mir ein umfangreiches Bibelwissen angeeignet, so schnell konnte man mich nicht aufs Glatteis führen. Ich fühlte mich stark durch das Wort Gottes und hatte die Erfahrung gemacht, das Böse überwinden zu können.

Anfang 2000 passierte etwas Erstaunliches: Obwohl ich nun endlich in meiner Berufung angekommen war, empfand ich die Arbeit als Pastor zunehmend nicht mehr so befriedigend und ausfüllend, wie ich es mir vorgestellt hatte. Häufig war es ein Bürojob; in den vielen Besprechungen ging es oft um strukturelle und organisatorische Fragen und ich merkte immer mehr, wie der eigene Anspruch an eine geistliche Lebensführung und die Umsetzung im Alltag stark auseinanderklafften. Was hatte ich verpasst? Wo war die Leichtigkeit vom Anfang geblieben?

Erst vor ein paar Jahren habe ich verstanden, was passiert war. Ich bin ein extrem loyaler Mensch, dazu sehr leistungsorientiert. Was ich damals als radikale Nachfolge beschrieben hätte, würde ich heute an vielen Stellen als Gesetzlichkeit, Enge und Unfreiheit bezeichnen. Alles in der Absicht, Gott zu gefallen, ganzherzig nachzufolgen und ein guter Pastor zu sein. Offensichtlich hatte ich die letzte Entwicklungsstufe noch nicht erreicht. Ich kannte nicht den, der von Anfang an ist! Vielmehr hielt ich mich streng an den Buchstaben, weil daraus meine Stärke kam.

Veränderung

Seit nunmehr sieben Jahren lebe ich in Rostock. Auslöser war der Wunsch, hier im Nordosten der Republik eine christliche Arbeit aufzubauen. Dass alles anders kam, als ich es mir vorgestellt hatte, sehe ich als Glücksfall – auch wenn harte Zeiten hinter mir liegen. Hier war ich plötzlich hineinkatapultiert in eine Welt ohne Gemeinde. Ohne Strukturen. Ohne Regeln, Gebote und Vorschriften. Und fast alle Menschen, mit denen ich in Kontakt kam, hatten noch nie etwas von Gemeinde gehört. Was wollte ich ihnen vermitteln? Wie sollte Gemeinde aussehen? Mit den eigenen Erfahrungen war ich mittlerweile sehr unzufrieden, das wollte ich mir und den anderen nicht zumuten.

In den nächsten Monaten durchlebte ich eine religiöse Entgiftung. Ich las die Bibel mit neuen Augen und tat mich mit manchen Aspekten unserer christlichen Kultur immer schwerer. Ganz besonders machte mir die Unterscheidung zwischen Klerus und Laien zu schaffen, mein Selbstverständnis als Pastor kam ins Wanken. Gott sei Dank hatte ich Freunde, die mich in diesem mehrjährigen Prozess begleiteten und mich ermutigten, dem, der von Anfang an ist, auf die Spur zu kommen.

Neubeginn

Auf meiner Reise habe ich so etwas wie eine zweite Bekehrung erlebt. Die Leichtigkeit hat sich wieder eingestellt, diese erste Liebe, die Begeisterung über Jesus, weil ich erkannt habe, wie groß sein Herz ist und wie gut er es mit mir meint, weil er tatsächlich der ist, der alles im Griff hat, mich durch und durch liebt und für mich ist.

Ganz wesentlich war dabei mein gereiftes Gottesbild. Ich musste feststellen, dass die Motivation hinter mancher Handlung eine Angst vor Gott gewesen war. Mich mit dieser Angst auseinanderzusetzen hatte eine beiläufige Frage in einer Predigt ausgelöst: »Was wäre, wenn Gott durch und durch gut wäre?« Das hatte mich wochenlang beschäftigt. Auf der einen Seite merkte ich, wie real die Frage für mich war. Denn ich war mir plötzlich nicht mehr sicher, ob Gott es denn tatsächlich in allem nur gut mit mir meinte. Auf der anderen Seite sagte mir mein Verstand, wie lächerlich diese Frage war, denn natürlich war Gott durch und durch gut. Doch mein Herz konnte es nicht glauben.

In Gebeten, in der Auseinandersetzung mit der Bibel und in Gesprächen mit Freunden lernte ich, mich den Fragen zu stellen, die »eigentlich« nicht sein dürfen. Ich bewegte diese Fragen vor Gott und stellte fest, dass er damit gar kein Problem hat! Er lässt sich auf kritische Fragen ein, hält meine Zweifel aus und hilft mir, auf die richtigen Antworten zu kommen. Ich spürte, wie sich meine Gottesbeziehung wandelte, wie ich mehr und mehr Gott als nahbares Wesen erlebte und merkte, vor ihm definitiv nichts darstellen oder verbergen zu müssen. Er ist der, der von Anfang an ist – diese Größe, Tiefe, Weite, die mir fast den Atem raubt, die mich in der Vergangenheit einschüchterte und von der ich nun merke, wie gut mir das alles tut!

Ich bin seit zwei Jahren in keiner offiziellen Gemeinschaft mehr. Das habe ich mir so nicht ausgesucht, aber so ist es geworden. Vielleicht ändert es sich wieder, vielleicht bleibt es so. Was ich aber habe, ist die Freundschaft zu anderen Gläubigen, mit denen ich mich auf dem Weg befinde und über den Glauben rede. Und die tiefe Sicherheit, dass der, der von Anfang an ist, für mich ist. Dabei fühle ich mich manchmal wie Mose in der Wüste: Ein wichtiger Lebensabschnitt liegt hinter mir, irgendetwas liegt vor mir – was da noch kommt? Ich weiß es nicht. Im Moment ist es einfach eine Beziehung zwischen mir und Gott. Damit befinde ich mich in einem Zustand, der mir in der Vergangenheit große Sorgen gemacht hätte – keine Gemeinde, keine Struktur, keine geistliche Abdeckung. Irgendwie ist alles anders gekommen und gleichzeitig hat sich dabei eine Gelassenheit und ein Glaube entwickelt, der sich nicht mehr so leicht erschüttern lässt.


Gernot Rettig

Gernot Rettig www.gernotrettig.com

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