Bewusst leben

Grünschnabel oder reife Persönlichkeit


Wie sieht persönliche Reife aus? Und wie erlangen wir sie? Eine Anleitung zum Reifwerden.

Von Kerstin Hack

Audioversion

Sprecherin: Anne Coronel

Während meines Studiums verlebte ich das schwierigste Jahr meines Lebens. Mittlerweile hat das Leben aufgeholt und mir noch einige schwierige Zeiten beschert, aber damals war es das bislang Schlimmste. Die Dinge liefen absolut nicht so, wie ich es wollte. Im Rückblick auf dieses schwere Jahr sagten mir Freunde gelegentlich: »Du bist durch die Schwierigkeiten so gereift – wie wunderbar.« Voller Reife spürte ich den – vermutlich unreifen – Wunsch ihnen eine reinzuhauen. Als ob Reife ein angemessener Ausgleich für Schmerz und Leid ist. Gelegentlich habe ich gesagt: »Gerne würde ich die Reife zurückgeben und auf die Schwierigkeiten verzichten, die ich durchlebt habe.«

Mittlerweile habe ich mich mit der Reife ausgesöhnt und mit den Schwierigkeiten auch. Schwierigkeiten kommen ohnehin. Egal ob man sie bestellt oder nicht. In allen Farben, Formen und Facetten. Ich bin da recht pragmatisch und denke mir: »Wenn ich die ohnehin durchleben muss, kann ich sie auch für mein persönliches Wachstum nutzen.«

Ein unreifer Mensch

Doch es stimmt auch: Unreife Menschen können wunderbar sein. So wie Hannah. Sie hat nur sich selbst im Blick und erwartet, dass alle anderen sich um sie und ihre Bedürfnisse kümmern. Sie übernimmt keine Verantwortung, sondern lässt sich von anderen versorgen und hegen und pflegen – die anderen können sogar ihre Scheiße wegmachen. Sie räumt nicht auf, wäscht keine Wäsche. Und wenn die anderen mal nicht springen, gibt es Gezeter und Geschrei. Sie lässt sich mit einer bezaubernden Selbstverständlichkeit verwöhnen: »Ich mache keinen Finger krumm. Dafür sind ja die anderen da.« Ich finde Hannah ganz wunderbar. Sie löst bei mir Fürsorge und Liebe aus, den Wunsch für sie da zu sein und mich um sie zu kümmern. Hannah ist drei Wochen alt und mein Patenkind. Für sie ist Unreife das einzig angemessene Verhalten. Andere sollen, dürfen und müssen alles für sie tun. Ganz klar. Was sonst. Im Lauf der Zeit wird sich das ändern. Sie wird zunehmend Verantwortung für sich selbst übernehmen und ihr eigenes Leben gestalten. Wenn sie sich als Teenager weiterhin so unreif und selbstbezogen verhalten würde, wie sie es jetzt tut, würde ich ein ernstes Wörtchen mit ihr reden. Doch wenn ihr Entwicklungsprozess gut läuft, wird sie reifen und schließlich in der Lage sein, für andere Menschen Verantwortung zu übernehmen, für sie zu sorgen und für sie da zu sein – für Menschen, die so klein und niedlich sind, wie sie es jetzt gerade ist.

Ihr jetziges »unreifes« Verhalten entspricht ihrem Alter und ihrem Entwicklungsstand und das ist völlig in Ordnung. Nur von einer reifen Frucht erwartet man, dass sie Samen trägt, nicht von einer gerade erst aufblühenden Pflanze.

Ein natürlicher Prozess

Problematisch wird es, wenn Menschen in diesem Reifegrad stecken bleiben: Wenn sie noch als Erwachsene andere kaum im Blick haben, nur um sich selbst kreisen, ihre Bedürfnisse mit lautem Geschrei äußern und erwarten, dass andere alles für sie tun und selbst keine Verantwortung übernehmen. Manchmal wird sogar Gott als Deckmantel für die eigene Faulheit und Unreife missbraucht. Man deklariert es als geistlich, darauf zu warten, was der Herr einem zeigen oder schenken wird – z. B. eine Arbeitsstelle, einen Partner, eine Wohnung – statt Verantwortung zu übernehmen und sich selbst auf die Suche zu machen.

Solche Menschen sind anstrengend. Von Erwachsenen erwartet man zu Recht reifes Verhalten. Es ist ab einem gewissen Alter angemessen, dass Menschen auch andere im Blick haben und bereichern.

Eigentlich ist Reife ein natürlicher Prozess. So wie eine Frucht ganz natürlich heranreift, wenn sie Wärme und Nährstoffe erhält, entwickeln Menschen ganz natürlich Reife, wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Auch sie brauchen Wärme und Nahrung – sowohl für den Körper als auch die Psyche.

Es ist ein offenes Geheimnis, dass das nicht immer so klappt. Es gibt – in der Kindheit, aber auch später – Phasen der Unterversorgung. Ein Mensch, der das erlebt hat, wird dazu tendieren, das Fehlende noch nachgeliefert zu bekommen. Er reagiert mit Forderungen an andere, für ihn zu sorgen, für ihn da zu sein, für ihn Verantwortung zu übernehmen.

Jeder Mensch ist in manchen Bereichen unreif. Egal ob es sich darum handelt, sich das größte Stück Kuchen zu schnappen oder sich ständig darüber zu beschweren, dass man in der Gemeinde nicht gut genug versorgt wird – wir alle haben unsere unreifen Stellen und Verhaltensmuster.

Nachreifen

Doch: Wo man mangelnde Reife wahrnimmt, kann man verpasste Entwicklungen nachholen und »nachreifen«. Dazu macht es erst mal Sinn, sich Gedanken darüber zu machen, wie Reife aussieht. Ich definiere Reife als die Bereitschaft und Fähigkeit, ein Mensch zu sein, der andere im Blick hat und gern zu ihrem Leben beiträgt. Nicht aus Pflichtbewusstsein, sondern aus Freude. Es kann sein, dass du es für dich etwas anders definierst. Auf jeden Fall ist klar: Wenn du ein klares Bild davon hast, wie reifes Handeln aussieht, kannst du in den Bereichen, in denen du noch unreif reagierst, leichter »nachreifen«.

Mit 20 ist man noch nicht so reif wie mit 70. Wie denn auch? Dennoch kann man überlegen: Welches Verhalten zeichnet für mich Reife aus? Wo verhalte ich mich nicht so reif, wie ich es möchte? Wenn Kinder einander das Spielzeug wegnehmen, mag das noch altersgemäß sein. Wenn man es als Erwachsener nicht ertragen kann, dass die anderen länger als man selbst auf dem Wii-Board spielen, darf man sich schon ein paar Fragen stellen.

Es kann gut sein, dass manche Erfahrungen deine Entwicklung zur Reife verlangsamt und womöglich zu Selbstbezogenheit geführt haben. Du kannst die Vergangenheit nicht rückgängig machen, aber trotz schwerer Erfahrungen Reife und Gelassenheit entwickeln. Das geht am Besten, indem du das, was dir gefehlt hat, betrauerst und dann bewusst loslässt. Das kann auch bedeuten, dass du den Menschen vergibst, die unreif waren und dich nicht so versorgt haben, wie es für eine gute Entwicklung nötig gewesen wäre. Du kannst auch Gott bitten, dass er dir hilft, die unreifen Verhaltensmuster, die du aus Mangel heraus entwickelt hast, durch andere Verhaltensmuster zu ersetzen. Diesen Weg der Heilung kannst du allein oder mit kompetenter Begleitung gehen, wenn das gut für dich ist.

Krisen

Einer der besten Wege, um Reife zu entwickeln, sind Krisen. In Krisen wird deutlich, wo die Schwachstellen im eigenen Charakter und in dem Vertrauen zu Gott sind. Auf meinem Schreibtisch liegen einige Zettel, die ich schön gestaltet, mit Bonbons und Bändchen verziert habe und die den Titel »Die Schätze meiner Krisen« tragen. Auf jedem Zettel steht eine Krise – und die Schätze, die ich daraus gewonnen habe. Es sind sozusagen persönliche Reifezeugnisse. Auf den Zetteln ist von beruflichen und privaten Krisen zu lesen und den Erkenntnissen, die ich dadurch gewonnen habe. Ein kluger Mensch hat einmal gesagt: »Gutes Urteilsvermögen kommt aus der Erfahrung. Die Erfahrung ist das Ergebnis von schlechtem Urteilsvermögen.«

Reife Menschen sind wunderbar. Sie bereichern unser Leben mit Erfahrung, Gelassenheit, Weisheit, Verantwortung und so vielem mehr. Der Reifeprozess lohnt sich.


Kerstin Hack

Kerstin Hack ist Autorin, Verlegerin, Coach und Referentin. Und eine Frau, die ihr Leben lebt und genießt. www.down-to-earth.de

Ethisch handeln

Lieber Gott, böser Gott

Der Gott des Alten Testaments, der das kanaanäische Volk vernichtet, ist uns unheimlich. Wir sprechen lieber nur vom lieben Gott. Greift Gott heute noch strafend ein?

Jesus nachfolgen

Meer mit Himmel

Wie kann man in enger Vertrautheit mit Gott leben? Und wieso lohnt es sich, diese Beziehung zu pflegen? ­Unsere Autorin erzählt, wie sich ihre Freundschaft zu Gott ­entwickelt hat.

Schlau werden

Junge? Mädchen?

Frau und Mann, weiblich und männlich, sind wie Pole eines Spektrums, zwischen denen wir vielfältige Mischungen des Männlichen und Weiblichen vorfinden.

Schlau werden

Ohne Anfang und Ende

Der Gedanke an die Ewigkeit kann uns verrückt machen, weil wir uns ein Leben ohne Ende nicht vorstellen können. ­Beobachtungen aus der Quantenphysik.

Gemeinsam glauben

Geht Julia in eine Sekte?

Anregungen, ungesunde Strukturen bei der eigenen Gemeinde zu identifizieren.

Bewusst leben

Planlos?!

Kommt zur eigenen Lebensplanung die Frage nach dem Plan Gottes hinzu wird es kompliziert.

Jesus nachfolgen

Unsichtbare Kämpfe

Dass es in der geistlichen Dimension Mächte gibt, die den Nachfolgern Jesu Schaden wollen, fand die Autorin zunächst abgefahren.

Bewusst leben

Liebe machen

In vielen Gemeinden scheint das Thema Sex nicht zu existieren – Ehepaare bleiben da viel zu oft auf sich allein gestellt.

Ethisch handeln

Diagnose: Multiple Sklerose

Zwei Ethikexperten suchen eine Antwort auf die Frage, ob eine Trennung aufgrund einer Erkrankung ethisch zu rechtfertigen ist.

Gemeinsam glauben

Wenn Kirche krank macht

Wenn ungesunder Druck in Gemeinden und Kirchen Menschen derart belastet, dass sie krank davon werden, handelt es sich oft um falsch eingesetzte Macht leitender Personen.

Gemeinsam glauben

Der Pastor der Zukunft

Der Beruf des Pastors ist in einer schmerzlichen Krise – die aber auch heilsam sein kann. Wie kann man hier umdenken? Welche Konsequenzen sind zu ziehen? Dafür muss die Krise richtig verstanden werden.

Bewusst leben

Stadt, Land, Fluss

Wie sollen wir wohnen? Wo – und vor allem – mit wem? Idealvorstellungen weichen jenseits der 30 oft den sich auftuenden Zwängen.

Bewusst leben

Grünschnabel oder reife Persönlichkeit

Wie sieht persönliche Reife aus? Und wie erlangen wir sie? Eine Anleitung zum Reifwerden.

Jesus nachfolgen

Ende im Gelände

Mit der Postmoderne wurde unsere Welt und unser Glaube immer komplexer. Dabei wurde vielfach alles hinterfragt und bisher sicher Geglaubtes dekonstruiert.

Bewusst leben

Möpse zum Frühstück

Axel hat seine ganz persönliche Studie durchgeführt: Wie viel weibliche Brust begegnet ihm so an einem Tag? Das Ergebnis ist ernüchternd – die Auswirkungen auf das Intimleben von Pärchen auch.

Jesus nachfolgen

Wut auf Gott

Darf man wütend auf Gott sein? Eine ganzheitliche Antwort.

Gemeinsam glauben

Marginal Men

Viele träumen davon, als Außenseiter ihre Gemeinde zu verändern. Auf der Suche nach Erfahrungsberichten von erfolgreichen Reformern erlebten wir eine Überraschung.

Jesus nachfolgen

Die Kunst des Sehens

Spricht Gott auch heute noch direkt zu uns? Klar, sagt unsere Autorin und weiß Einiges aus ihrem Leben dazu zu berichten.

Jesus nachfolgen

Körperglaube

Hier lernst du drei Gebetsgesten, um die leibliche Dimension in deine Gottesbeziehung zu integrieren.

Schlau werden

Muse, küss mich!

Kann man Kreativität lernen? Artdirektorin Eva Jung erklärt hier, wie man seine Schöpfungskräfte in Bewegung setzt.

Jesus nachfolgen

Hineingeschlittert

Jugendbewegungen sind idealistisch. Doch was passiert, wenn die jungen Gläubigen erwachsen werden?

Ethisch handeln

Finanzielle Verantwortung

Zwei Ethikexperten beantworten die Frage, ob man notleidende Freunde unterstützen muss. Auch wenn das Verzicht bedeutet.

Jesus nachfolgen

Erwachsen glauben

Der Glaube eines Menschen ist nichts Statisches, er kann sich entwickeln und reifen. Unser Autor erzählt, wie das bei ihm aussieht.

Schlau werden

25 Dinge, an denen du erkennst, dass du erwachsen bist

Selbsterkenntnis ist ein Privileg für Personen über 30. Hier der Beweis.

Jesus nachfolgen

Kopf-Herz-Ding

Wie es sich lebt, wenn der eigene Glaube den Beruf ausmacht und wie man überlebt, wenn der Beruf den Glauben bestimmt. Ein selbstkritisches Hinterfragen einer Hauptamtlichen.

Gemeinsam glauben

Wohnraum teilen

Seine Wohnung mit Gästen zu teilen mag unbequem sein. Doch die Begegnungen sind es allemal wert.

Bewusst leben

Mutterliebe

Einen Diskurs über Mutterschaft sucht unsere Autorin in ihrer Umgebung vergebens. Also legt sie selber ihr Scherflein in die Waagschale.

Gemeinsam glauben

Fremd

Gemeinde und Frömmigkeitsstil, die für die einen zur Heimat geworden sind, bleiben für die anderen völlig fremd.