Jesus nachfolgen

Hineingeschlittert


Jugendbewegungen sind idealistisch. Doch was passiert, wenn die jungen Gläubigen erwachsen werden?

Von Dagmar Begemann

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Sprecherin: Mechthild Puhlmann

Ich weiß nicht, wie ich mir das Erwachsenwerden vorgestellt habe. Vielleicht war mein Leben Ende zwanzig zu voll, um mir darüber Gedanken zu machen. Zugegebenermaßen habe ich nicht wirklich eine Normalbiographie.

Obwohl ich es geschafft habe, ein Studium abzuschließen und mit Mitte zwanzig zu heiraten, gab es neben diesen Eckpunkten eine Jesus-Freaks-Gemeinde mit achtzig Personen, die ich Vollzeit leitete, ein rasch wachsendes Festival, das mein Mann organisierte, und eine junge Bewegung, in die wir beide bis über beide Ohren involviert waren. Somit blieb nicht viel Zeit und Muße, sich den inneren und äußeren Prozessen des Erwachsenwerdens zu stellen.

Auch mein Umfeld hatte mich nicht wirklich herausgefordert, mir das Leben jenseits der dreißig vor Augen zu führen. Als Jesus Freak der ersten Generation waren die Menschen in meinem direkten Umfeld genau so alt wie ich oder eben jünger. Menschen über dreißig waren entweder Familie oder Pastoren anderer Gemeinden. Zwar war vor allem die zweite Gruppe sehr bemüht, die »junge Generation« zu unterstützen, dennoch hatte der Umgang miteinander immer etwas Künstliches. Bei allen Versuchen, sich in meine Lebenswelt einzufühlen, waren unsere Wegbegleiter selbst nie Teil davon. Ihre Welt blieb immer etwas Fremdes und ihre Erfahrungen nur bedingt auf meine Situation übertragbar.

So bin ich mehr oder weniger ins Erwachsenwerden hineingeschlittert. Ich weiß noch, wie ich mir selbst an meinem dreißigsten Geburtstag gesagt habe: »Jetzt bist du erwachsen!«, aber außer einer riesigen Angst, »spießig« zu werden – was es unbedingt zu vermeiden galt – und einem gewissen Gefühl von Überforderung, hatte ich keine wirklich positive Assoziation zu dieser biologischen Tatsache.

Die erste Naivität – alles ist gut

Es gab auch keinen Grund, sich das Erwachsenwerden herbeizusehnen. Gerade die Zeit zwischen zwanzig und dreißig bot eigentlich alles, was ich mir vom Leben erwartet hatte. Einerseits war ich durch die Volljährigkeit und das eigene Einkommen unabhängig von den Eltern, andererseits hatte ich noch keine eigenen Kinder, die mir neue Abhängigkeiten aufbürdeten. Kurz gesagt: Die Welt gehörte mir und die Möglichkeiten wirkten grenzenlos.

Dazu kam, dass meine Generation ein sehr starkes christliches Selbstbewusstsein mitbekommen hatte. Immer wieder hatten wir gehört, dass wir so etwas wie eine »auserwählte Generation« seien, die unser Land ganz nach vorne bringen würde. Am besten hat unser Lebensgefühl wohl die 24-7-Vision von Pete Greig eingefangen, der von einer Armee von jungen Leuten spricht, deren Leben und Gebet die Welt verändert. So wollte ich sein und es war gar keine Frage, ob das möglich ist. Gott will es und dann wird es auch passieren.

Mein Glaube war von der Erfahrung der Unmittelbarkeit Gottes geprägt. Im Sinne der Religionsphilosophie kann man vielleicht von der »ersten Naivität« sprechen: Geschichten über Gottes Wirken und das eigene Erleben sind wichtiger als theologische Reflexionen. Das Böse ist eine Realität, die man durch das richtige Gebet und die gottgegebene Autorität beherrschen kann und dadurch nicht wirklich bedrohlich ist.

Diese erste Naivität brachte auch bleibende Früchte. Viele Menschen ließen sich von unserer Begeisterung anstecken und sind heute mit Jesus unterwegs. Tragende Elemente in meinem eigenen Leben, aber auch im Leben der Jesus-Freaks-Bewegung, haben damals ihren Anfang genommen und konnten über die Jahre wachsen und stabil werden. Beziehungen, die durch prägende gemeinsame Erfahrungen entstanden sind, haben eine ganz besondere Tiefe und Vertrautheit, die ich nicht missen möchte.

Die Krise des Erwachsenwerdens

Wechsel in den Lebensphasen äußern sich bekanntermaßen in Krisen. Meine begann mit dem Umzug von der Frankenmetropole in die lippische Kleinstadt. Ich hätte mir nicht träumen lassen, was für Erschütterungen ein solcher Ortswechsel auslösen kann. Vor allem meine Glaubenspraxis wurde von einem auf den anderen Tag völlig über den Haufen geworfen. Wo vorher das lebendige Treiben einer extrovertierten Freakgemeinde mein Leben bestimmte, waren jetzt viele grüne Wiesen und ein meditatives Nichts, das mein außengesteuerter Glaube einfach nicht füllen konnte. Meine Rettung war ein Studium. Es half mir, meine Theologie erst einmal vom Bauch in den Kopf zu bringen, um sie anschließend vom Kopf auf die Füße zu stellen. Das Verrückte war, dass man mir früher immer gesagt hatte, dass ein Theologiestudium den Glauben raubt, mir hat es ihn buchstäblich gerettet.

Ich glaube, dass eine kritische Reflexion der eigenen Theologie und Glaubenspraxis ein wichtiger Schritt auf dem Weg zum mündigen Erwachsenen ist. Dekonstruktion war ein Schlagwort, unter dem viele Menschen meiner Generation ihr Ringen mit dem Idealismus-Realitäts-Konflikt gebündelt haben. Meist fängt es damit an, dass sich die vertrauten Wahrheiten nicht mehr mit den eigenen Erfahrungen decken. Fragen und Zweifel nehmen zu und rütteln an den Fundamenten unseres Seins. Ich kann aus meiner Erfahrung nur sagen: Der einzige Weg hinaus führt hindurch.

Nicht wenige Menschen in meinem Umfeld weigerten sich, diesen Schritt zu gehen. Sie versuchten, die Unmittelbarkeit des Glaubens zu konservieren, indem sie ihn in eine Ideologie gossen. Faktoren wie Leid, Krankheit und Scheitern wurden in ihrem System einfach ausgeblendet. Heute leben viele von ihnen in sektenähnlichen Strukturen, die sie nur aufrecht erhalten können, indem sie alle Kontakte nach außen abbrechen. Es ist erschreckend, dass Menschen so auf die Krise des Erwachsenwerdens reagieren, aber es passiert leider immer wieder.

Anderen ist es nicht gelungen, ihren Glauben ins Erwachsenenalter mitzunehmen. Sie haben den Konflikt zwischen ihrem kindlichen Glauben und ihrer Erfahrung nicht lösen können. Die Folge war, dass sie zunächst zynisch und später agnostisch wurden. Heute verbinden mich mit einigen von ihnen immer noch tiefe Freundschaften. Auch wenn sie in ihrem Leben gerade nicht zulassen können, dass es einen Gott gibt, so ist doch Sein Weg mit ihnen an diesem Punkt noch nicht zu Ende.

Eine Bewegung wird erwachsen

Das Besondere an der Jesus-Freaks-Bewegung war, dass die gesamte Führungsriege gleichzeitig in die Krise des Erwachsenwerdens kam. Um das Gemeinsame zu erhalten, blieb uns nichts anderes übrig, als diese Phase gemeinsam als Bewegung zu durchleiden. Damit setzte ein umfassender Neustrukturierungsprozess ein, der auch Menschen mitriss, die in ihrem Leben noch gar nicht an diesem Punkt waren. Gerade für sie war der Weg aus der Krise sehr schwierig und schmerzhaft.

Das Ergebnis ist, dass die Verantwortung in der Bewegung jetzt von unterschiedlichen Generationen gemeinsam getragen wird. Das stellt sicher, dass Krisen in Zukunft nicht mehr kollektiv durchlebt werden müssen. Außerdem ist damit klar, dass die Jesus Freaks zwar eine junge Bewegung, aber definitiv keine Jugendbewegung sind. Ich hoffe, es ist uns damit gelungen, einen Ort zu schaffen, an dem die nachfolgenden Generationen auf gesunde Weise erwachsen werden können.

Angekommen?

Kann ich jetzt mit 38 sagen, dass ich angekommen bin? Der ­Religionsphilosoph Peter Wust spricht davon, dass es eine »zweite Naivität« gibt. Sie ist die Fähigkeit, in gewisser Weise »trotzdem« zu glauben, aber »nicht aus verkrampftem Trotz, sondern aus einer weisheitlichen Haltung und (...) dankbarer Verwunderung über diese seltsame, uns ungefragt auferlegte Existenz« [1]. Manchmal merke ich, dass ich das kann. Und manchmal sehne ich mich zurück nach der Unmittelbarkeit, die auf dem Weg verloren gegangen ist. Dann hilft mir Hermann Hesse, der in seinem Gedicht »Stufen« schreibt:

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.
Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
an keinem wie an einer Heimat hängen.


Fußnote

  1. PD Dr. Theol Joachim Negel: Vermittelte Unmittelbarkeit zu Gott – Erwägungen zur »Zweiten ­Naivität« als der Glaubenshaltung des erwachsenen Menschen, Seite 9

Dagmar Begemann

Dagmar Begemann wohnt mit Ihrem Mann Henrik im lippischen Lemgo. Beruflich koordiniert sie das Mehrgenerationenhaus der Ev.-ref. Kirchengemeinde St. Pauli und versucht ihrem Idealismus in der Kleinstadt damit Hand und Fuß zu geben. Sie ist Mitglied im Koordinationskreis von Emergent Deutschland und seit 1995 Jesus Freakin mit ganzem Herzen.

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