Jesus nachfolgen

Körperglaube


Hier lernst du drei Gebetsgesten, um die leibliche Dimension in deine Gottesbeziehung zu integrieren.

Von Daniel Sikinger

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Sprecher: Daniel Schneider

Heute sind Körper und Spiritualität in der Praxis weitgehend voneinander getrennt. Das war nicht immer so. Die jüdische und frühchristliche Tradition hatte sich die Leibhaftigkeit des Glaubens noch bewahrt. Wenn in der Bibel einem Menschen Gott begegnete und wenn in jener Zeit Menschen beteten, dann war das stets eine ganzkörperliche Angelegenheit. Die Menschen warfen sich zum Beispiel nieder, berührten mit dem Angesicht die Erde oder erhoben ihre Hände. Die synonyme Verwendung von Körperhaltungen und Gebet in der biblischen Sprache zeigt: Eine Geste war bereits ein Gebet. Doch das ist lange her. Irgendwo auf dem Weg der Jahrtausende ist uns dieser Schatz abhanden gekommen. Nicht selten wird die Meinung vertreten, Glauben sei eine reine Kopf- und Herzenssache oder – viel schlimmer – man müsse sich sogar vom Körperlichen befreien, weil dieses schmutzig und sündig sei.

Aber das Gegenteil ist der Fall. Körperliches und Innerliches sind untrennbar miteinander verbunden. Darauf weist uns einerseits die Psychosomatik hin. Andererseits ist aus theologischer Perspektive festzuhalten: Wenn wir ernst machen mit der Schöpfung und der Inkarnation (zu Deutsch: Fleischwerdung) Gottes, dann kommen wir nicht umhin auszurufen: Glauben ist leiblich!

Doch selbst wenn wir das erkannt haben, stehen wir vor der Frage: Wie kann so eine leibliche Spiritualität aussehen und wie kann sie in der Praxis eingeübt werden? Wo soll ich konkret nach dem Schatz suchen und wo ist ein Fund aussichtsreich? Diese Fragen führten mich zur ostkirchlichen Tradition und zur Praxis der Gebetsgesten. In der Ostkirche wird über weite Strecken dem Leib eine besondere Rolle in der Gottessuche zugewiesen. Man sucht, wie der orthodoxe Theologe Gregor Palamas sagt, »Unkörperliches im Körperlichen zu fassen«. Das ostkirchliche Sitzen, aber auch andere Gebetshaltungen werden heute von Menschen aller Konfessionen wiederentdeckt. Für diese Christen sind die Gebetsgesten Ausdruck ihrer Gottesbeziehung. Ihr Leib betet mit ihrem Inneren. Ja, ihr Leib selbst betet, ganz ohne Worte. Die Gesten helfen ihnen besonders dann ihrem Glauben Ausdruck zu verleihen, wenn sie sonst sprachlos bleiben. Umgekehrt öffnen die Gesten sie aber auch für eine Gottesbegegnung. Denn durch die Gesten üben sie Ehrfurcht, Offenheit oder innere Präsenz ein und solche Haltungen helfen ihnen, Gottes Gnade zu empfangen. So spiegelt sich die innere Haltung Gott gegenüber in einer Gebetsgeste wieder. Gleichzeitig kann die äußere Körperhaltung aber auch eine veränderte innere Haltung bewirken.

Die ostkirchliche Tradition und die Gebetsgesten sind es, die für mich Hinweise auf die verloren gegangene, leibliche Dimension unserer Spiritualität sind. Ich bin ihnen bereits einige Zeit gefolgt und lade dich ein, mit mir – im Rhythmus des Tages – auf Spurensuche zu gehen und drei Gebetsgesten auszuprobieren.

Öffne deine Hände – am Morgen

Die Gestik der Hände ist von jeher besonders bedeutsam. Eine der vielen möglichen Handgesten ist das Öffnen der Hände. Damit zeigen wir Offenheit und Hingabe. Wir halten Gott unsere leeren Hände hin und machen uns bewusst: Was mir zukommt, das ist mir von Gott gegeben. Auch nehmen wir mit unseren geöffneten Händen die Dinge in die Hand, die wir schaffen und gestalten oder wir berühren Menschen, verweigern ihnen aber auch allzu oft unsere Hand und damit unsere Hilfe.

Probiere diese Geste in einer stillen Minute am Morgen aus. Halte damit Gott hin, was du anpacken musst und wo du Menschen die Hand reichen willst. Du kannst so auch zum Ausdruck bringen, dass du in alledem leere Hände hast und auf Gottes Eingreifen angewiesen bist. Gott wird deine Hände füllen und sein Geist wird sie kräftigen. Dankbar kannst du so den Tag beginnen und bereits für das bitten, was dich heute beschäftigen wird.

Halte deine Hände vors Gesicht – am Mittag

Am Mittag haben wir oft das Bedürfnis kurz zur Ruhe zu kommen. Um dich zu dieser Tageszeit neu auf Gott auszurichten, kannst du dich für einige Minuten zurückziehen, zum Beispiel auf das firmeneigene stille Örtchen oder auf eine einsame Parkbank. Durch die Geste des Hände-vors-Gesicht-Haltens bekräftigst du deine Suche nach Gott.

Sich durch eine Geste zum Gebet zurückzuziehen, ist in vielen Religionen bekannt. Orthodoxe Juden beispielsweise legen beim Morgengebet einen Gebetsschal über Kopf und Schultern. Unter anderem schirmt sich der Träger mit ihm von seinem Umfeld ab: Sein Sichtfeld, aber auch seine Sichtbarkeit werden eingeschränkt. Die weit ins Gesicht fallende Kapuze oder auch Kukulle, die manche Mönche beim Chorgebet überziehen, hat eine ganz ähnliche Funktion. Und von der Mutter John Wesleys erzählt man sich, sie habe am Küchentisch gelegentlich ihre lange Schürze über den Kopf geschlagen, um zu beten.

Mit der gleichen Absicht kannst du die alte Geste nachvollziehen und deine Hände mit ein wenig Abstand vor dein Gesicht halten. Diese Gebärde schirmt dich von allem um dich herum ab, verweist deine Blicke auf dich selbst und richtet deine Aufmerksamkeit auf dein Inneres. Nichts soll jetzt stören oder ablenken. Du kannst nun allein sein vor Gott, mitten im Trubel des Alltags. Verharre einen Moment in dieser Haltung und spüre die Wärme deines Atems auf den Handflächen. Lege erst nach einer Weile deine Hände langsam und behutsam auf dein Gesicht. Die Wahrnehmung der Wärme und Zärtlichkeit kann für dich zum Ausdruck eines Geheimnisses werden – Gott möchte eine innige Beziehung mit dir pflegen, auch in deiner zweiten Tageshälfte.

Kreuze die Arme über deiner Brust – am Abend

Lege zuerst die rechte Hand auf die linke Schulter. Halte einen Moment inne. Lege dann die linke Hand auf die rechte Schulter und halte wieder inne. Wenn ich von der Arbeit nach Hause komme, bleibe ich so noch einige Augenblicke im Dunkeln meines Autos sitzen und schließe mit dieser Geste den Tag ab – die Arme gekreuzt über der Brust, sodass die Fingerspitzen die Schultern berühren.

Wenn man eine Tür schließt, bewegt man die Arme in ganz ähnlicher Weise, wie in der Bewegung des Armekreuzens. Die Geste schließt gewissermaßen die Tür des Tages. Sie erinnert aber gleichzeitig an eine Umarmung. Umarmt wird das Gegensätzliche des Lebens, das Rechte und das Linke, das Leichte sowie das Schwere des vergangenen Tages. Wenn du dir also die erste Hand auf deine Schulter legst, kannst du daran denken, was unfertig geblieben ist an diesem Tag, was dir misslungen ist und was spannungsreich bleibt. Bei der zweiten Hand kannst du das Gelungene dieses Tages bedenken, das Schöne und Gute. Kreuze die Arme über der Brust und umarme in Dankbarkeit die Gegensätzlichkeiten deines Alltags. Schließe die Tür des Tages und gib dem Schweigen und der Ruhe Raum. Du kannst mit dieser Geste des Kreuzes das Gelungene wie auch das Liegengebliebene oder Misslungene in Gottes Hände zurückgeben.

Damals wie heute soll und darf deine Spiritualität ganzheitlich sein und dich deshalb auch als körperliches Wesen betreffen. Da wir gegenwärtig aber oft den Bezug zu unserem eigenen Körper verloren haben, müssen wir uns wieder neu auf die Suche nach Körperhaltungen machen, die uns für eine Gottesbegegnung öffnen und die unserem Inneren adäquat Ausdruck verleihen.


Hinweis: Dieser Text ist etwas abgeändert zuerst auf www.lebensreise.info erschienen. ­LEBENSREISE ist ein Internetportal für christliche Spiritualität. Wöchentlich erscheinen hier Artikel zu Themen wie Heilige Orte, Vorbilder des Glaubens, Gebetsgesten oder geistlicher Rhythmus.


Daniel Sikinger

Daniel Sikinger lebt mit seiner Frau bei Newcastle (England). Von Haus aus pädagogisch ausgebildet, setzte er im theologischen Studium die Schwerpunkte u. a. auf jüdische und monastische Spiritualität. Jetzt wohnt und arbeitet er in »Nether Springs«, einem New Monastic Centre der Northumbria Community.

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