Jesus nachfolgen

Kopf-Herz-Ding


Wie es sich lebt, wenn der eigene Glaube den Beruf ausmacht und wie man überlebt, wenn der Beruf den Glauben bestimmt. Ein selbstkritisches Hinterfragen einer Hauptamtlichen.

Von Kathinka Hertlein

Nicht zwei Wochen, nicht vier Wochen, nein eher sechs bis acht Wochen sitze ich an diesen Zeilen. Das mag vielleicht an meiner Aufschieberitis liegen. Ich schiebe diesen Herzschlag vor mir her. Und warum? Weil ich eine Schreibblockade habe. Dabei kann ich eigentlich über alles fromm, theologisch und reflektiert reden oder schreiben. Ich bin ja schließlich Theologin und arbeite seit einigen Jahren in unterschiedlichen Arbeitsfeldern in diesem Beruf. Da habe ich es gelernt, mir eine Meinung zu bilden, biblisch fundiert und theologisch reflektiert – natürlich. Sei es die Entstehungsgeschichte von Jesaja, die Tauffrage oder die Herausforderungen der Kinder- und Jugendarbeit – ich habe eine Meinung darüber und kann diese auch vertreten. Predigten und Jugendkreisstunden über Bibeltexte oder Themen erarbeite ich mir. Das Thema Nachfolge beschäftigt mich nicht zuletzt auch aus beruflichen Gründen. Ich bin da irgendwie schon ein bisschen abgestumpft. Ich erzähle (gerne!) persönliche Geschichten in Predigten und kann mir manches aus dem Ärmel ziehen. Die Verarbeitung meiner privaten Nachfolge für berufliche Belange ist ganz natürlich, wenn nicht schon inflationär.

Daher fällt es mir auch so schwer herauszufinden, was mich echt bewegt. Was beschäftigt mich denn persönlich in der Nachfolge?! Vielleicht ist es gerade das Thema. Diese Vermischung von Hirn und Herz, von Persönlichem und Beruflichem, von Nachfolge und Theologe. Diese Vermischung zieht sich durch mein Leben ...

Denken und Fühlen

Ich, 23 Jahre alt. Ich flacke auf meinem Bett im Studentenwohnheim in Marburg und sinniere über das Leben. Während meines Theologiestudiums in Tabor habe ich entdeckt, dass mir Denken Spaß macht, dass ich Gott entdecke, wenn ich über ihn nachdenke und dass mich das Forschen in der Bibel fasziniert. Theologisches Arbeiten macht mein Glaubensleben total aus. Ich kann auf meinem Bett liegend feststellen: »Ich bin Theologin!« Und dann wird mir bewusst, wie ich mich da eigentlich definiere: Ja, ich bin Theologin. Total gerne. Aber zu allererst bin ich Kind Gottes. Das sollte doch eigentlich mein Selbstverständnis ausmachen. Nicht mein Beruf soll meine Gottesbeziehung und meine Selbstwahrnehmung ausmachen. Ich wünsche mir, dass es zuerst das Gotteskindsein ist, was mich definiert. Plötzlich bricht mein Berufsleben in mein Glaubensleben ein.

Ich, 24 Jahre alt. Ich sitze am Schreibtisch und bin konsterniert. Gott hat mich in diesen Beruf berufen und ich habe viele, tolle Erlebnisse gehabt. Ich kann (und das übrigens immer noch) sagen, dass ich den besten Beruf der Welt habe! Aber ich spüre, dass mich das Leben in diesem Beruf herausfordert. Privat und in meiner beruflichen Rolle mit all ihren Aufgaben. Es ist etwas anderes, Gemeindeleben als »Hobby« in der Freizeit zu haben oder im Arbeitsalltag. Daneben rütteln nervige Situationen irgendwie an meinem eher naiven Idealbild der Gemeinde Jesu. Darunter leidet mein Herz, auch wenn ich weiß, dass das normale Anfängerschwierigkeiten in meinem Beruf sind.

Ich, 27 Jahre alt. Ich sitze im Gottesdienst und lausche der Predigt. Innerlich läuft mein berufsspezifisches Raster ab: Kann man das so sagen? Ist das eine gesunde theologische Aussage? Wird dieser Punkt dem Bibeltext gerecht? Glaube ich das auch so? Kann ich das so glauben? Und: Oh, diese Geschichte muss ich mir für den nächsten Jugendkreis, den ich gestalte, merken! Während meine innere Predigtzensur ihren Lauf nimmt, merke ich, dass mich dieses Hören nicht glücklich macht. Es ist zu kognitiv. Mein Herz hat sich herausgezogen. Lediglich mein Verstand, mein theologischer Sachverstand, nimmt die Predigt wahr. Ich lasse mich nicht mehr wirklich darauf ein, Jesus zu begegnen. Es gibt eine Blockade meines Hirns gegen mein Herz! Und das kann es doch auch nicht sein?!

Angst vor schlechter Prägung

Ergo: Mein Beruf, mein theologisches Denken mischt sich doch ganz schön in meine Jesus-Beziehung ein. Ich vermute, ich kann Jesus nicht mehr ohne das alles nachfolgen. Gott hat mich in diesen Beruf berufen. Ich folge Jesus als Hauptamtliche nach. Aber warum erscheint mir diese These als widersprüchlich? Wieso habe ich Angst davor, dass mein Beruf meinen Glauben prägt? Warum hinterlässt das einen faden Nachgeschmack? Ich gehöre nicht zu einer Generation von Frommen, die wissenschaftsfeindlich und theologiekritisch sind. Ich habe diese Fähigkeiten gelernt, um Gott zu dienen. Sie haben mich und meinen Glauben nicht aus der Bahn geworfen. Vielmehr denke ich leidenschaftlich gerne theologisch! Oder liegt meine Furcht vielmehr in meiner Herzensbeziehung zu Jesus begründet?! Schon von Kindesbeinen an habe ich gelernt, dass ich Jesus in mein Herz lassen soll und er nun in meinem Herzen wohnt. Gefühle sind ein integraler Bestandteil meines Glaubens. Das ist gut. Aber vielleicht hat eine Überbetonung der Innerlichkeit, der Herzensfrömmigkeit dazu geführt, dass ich mich davor fürchte, diese irgendwie zu verlieren? Aber sind denn Denken und Fühlen wirklich Gegensätze oder gehören nicht eigentlich beide zu meinem Menschsein dazu? Vielleicht liegt meine Angst auch in der Veränderung begründet? Ich fürchte mich davor, dass sich meine Beziehung zu Jesus verändert, weil sie der Schatz meines Lebens ist. Wenn die sich verändert, dann könnte ja mein Fundament wackeln. Autsch. Dabei glaube ich eigentlich, dass ich diese Angst nicht zu haben brauche. Ich habe nämlich erlebt – und vielleicht ist das das Entscheidende – dass sich Jesus immer wieder zu mir durchschlägt und mich auf die richtige Spur bringt. Ich merke, dass Jesus in meine Gedanken hineinkommt und dass meine innere Herzensbeziehung zu Jesus eher noch reift, als dass sie zugrunde geht. Jesus begegnet mir in meinem ganzen Sein, in allen meinen Rollen – auch wenn ich das manchmal gar nicht fassen kann!


Kathinka Hertlein

Kathinka Hertlein wohnt in einer Lebensgemeinschaft in Nürnberg und reist als Kinder- und Jugendreferentin im EC Bayern durch die Gegend. Sie mag koffeinhaltige Heißgetränke, Bücher, ihre Freunde und Kochen.

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