Bewusst leben

Liebe machen


In vielen Gemeinden scheint das Thema Sex nicht zu existieren – Ehepaare bleiben da viel zu oft auf sich allein gestellt.

Von Günther J. Matthia

Audioversion

Sprecher: Philipp Hohage

Es herrscht kein Mangel an Büchern, Artikeln, Online-Ratgebern und anderen Quellen, die samt und sonders Auskunft versprechen, wie das mit Liebe, Lust und Leidenschaft am besten funktioniert. Qualität und Niveau der Angebote umspannen die Bandbreite von wissenschaftlich bis vulgär. Es ist für jeden Geschmack etwas dabei, durchaus auch etwas für Menschen ohne Geschmack.

Dennoch besteht Bedarf: »Wenn es um Sex geht, tun die meisten verheirateten Christen das, was für sie funktioniert. Wenn sie etwas entdeckt haben, was ihnen Befriedigung, Vergnügen, Nähe und einen Orgasmus bringt, werden sie in der Regel diese Praxis beibehalten. Dabei werden manche Paare allerdings von Schuldgefühlen geplagt, weil sie sich fragen, ob ihr Tun vielleicht sündig ist«, schrieben vor etlichen Jahren Melissa und Louis McBurney, professionelle Eheberater, in Christianity Today. Sie berichteten, dass sie unzählige Anfragen bekommen, ob bestimmte Sexpraktiken »erlaubt« seien, weil in den Kirchen und Gemeinden das Thema Sexualität ignoriert und in den Kleingruppen auch nicht angesprochen wird. Die meisten »christlichen« Ehebücher bleiben schwammig oder stiften noch mehr Verwirrung, da der eine Autor dieses, der andere jenes verurteilt oder gutheißt – selbstverständlich immer biblisch belegt.

Biblische Moral bleibt unklar

Wer will, kann anhand der Bibel auch nachweisen, dass Sex außerhalb der Ehe erlaubt ist: Die Tatsache, dass der Glaubensheld Abraham mit seiner Magd – im Einvernehmen mit der Ehefrau und sogar auf deren Vorschlag hin – einen Sohn zeugte, wird in der Bibel nicht getadelt, sondern lediglich der Beweggrund: mangelnder Glaube, dass die betagte Sarah trotz göttlicher Verheißung noch schwanger werden könnte. Nur eines von mehreren Beispielen in der Heiligen Schrift.

Die biblischen Bücher geben – im jeweiligen gesellschaftlichen Kontext – diverse Hinweise zu Moral und Ethik, aber die Bibel war nie ein Ratgeber zum Sex in der Ehe. Die Bibel ist ein sehr vielschichtiges und vielseitiges Portrait Gottes. Die zahlreichen Autoren der biblischen Bücher steuern das jeweilige Bild, wie sie Gott erkennen und erleben, bei. So entsteht ein Puzzle, das uns ahnen lässt, wer und wie Gott ist. Die Bibel ist aber kein Handbuch über sexuelle Spielarten und Praktiken, auch wenn manche frommen Autoren so tun als könnten sie eins aus ihr machen.

Als sexuelle Wesen geschaffen

Wir können immerhin getrost davon ausgehen, dass der Schöpfer von der Intensität unserer Empfindungen nicht überrascht ist, denn er hat uns mit sexuellem Verlangen, den entsprechenden Organen und Hormonen sowie der mentalen Fähigkeit zu erotischen Höhenflügen ausgestattet. Daran hat sich in tausenden Jahren nichts geändert. Adam besaß Penis und Hoden, Eva Vagina, Klitoris und Brüste. Da sie Kinder in die Welt setzten, wussten sie offenbar auch damit umzugehen. Wie häufig sie Sex hatten, in welchen Stellungen, wann und wie sie zum Orgasmus kamen – und ob das jeweils sündig oder zulässig war – ist uns nicht überliefert.

Was ist erlaubt?

Daher die Unsicherheit unter Christen, von der die McBurneys berichteten. Sie ist auch hierzulande verbreitet. Was ist erlaubt? Was ist verboten? Eine Antwort in Form einer Liste von »guten« und »bösen« Aktivitäten mag sich mancher wünschen, aber auch ich kann und will sie nicht zusammenstellen. Die Missionarsstellung als einzige für Christen zulässige Form des Geschlechtsverkehrs – solche religiösen Gesetze sind Gott sei Dank Vergangenheit im Christentum. Manche frommen Ratgeber stellen heute neue Regeln auf. Doch darum geht es beim Thema Liebe, Leidenschaft und Lust gar nicht.

Unterschiede feiern

Den meisten Paaren wird schnell bewusst, dass es bezüglich der Intensität und der Bandbreite des sexuellen Verlangens Unterschiede zwischen den Partnern gibt. Ob nun der Mann häufiger Sex möchte oder die Frau, wer von beiden experimentierfreudiger ist oder Vorlieben für bestimmte Stellungen und Praktiken entwickelt, spielt keine Rolle, denn gerade die Unterschiedlichkeit ist eine Chance: Auch im Bett – oder wo immer man Sex genießen möchte – können gegenseitige Rücksichtnahme, Verständnis und Achtung der Einzigartigkeit des Partners bewiesen werden. Eine Frau, die häufiger mit ihrem Mann schläft als es ihrem Verlangen entspricht, die Varianten der Stimulation ausprobiert, mit denen ihr Mann experimentieren möchte, beschenkt ihren Partner. Ein Mann, der seinen Sextrieb zügelt und sich Gedanken macht, wie er das Vergnügen seiner Frau steigern kann, der schnell zum Orgasmus käme, sich aber Zeit für ihren Höhepunkt nimmt, beschenkt seine Partnerin.

Solche Geschenke sind Kennzeichen der Liebe. Das gilt übrigens für alle Lebensbereiche, nicht nur für die erotische Komponente der Ehe. Das biblische »achte einer den anderen höher als sich selbst« (Philipper 2,3) kann sich nur im alltäglichen Umgang miteinander, in guten wie in schlechten Tagen, beweisen. Wenn zwei Menschen so miteinander umgehen, entsteht im Lauf der Zeit eine Basis des Vertrauens, die für ein genussvolles langjähriges Sexleben unerlässlich ist. Liebe kann und soll wachsen, zunehmen, stark werden. Die Grundlage ist das gegenseitige Vertrauen, entstanden aufgrund der täglich erlebten Achtung und Wertschätzung, mit der ein Paar sich beschenkt.

Entspannt experimentieren

Auf einem solchen Fundament der Liebe, in der Geborgenheit des Vertrauens, ist es erlaubt, dass nicht immer alles klappt. Oralsex, gegenseitige oder gemeinsame Masturbation, verschiedene Stellungen, Experimente mit Vibrator oder anderem Spielzeug, intime Massagen, Sex an ungewöhnlichen Orten – all das kann das Sexleben bereichern. Oder auch nicht. Das muss (und wird) jedes Paar selbst herausfinden. Wenn die Partner einander wirklich bedingungslos vertrauen, dann ist es keine Katastrophe, wenn der Orgasmus ausbleibt, der Penis nicht steif wird oder wenn man feststellt, dass etwas eben keinen Spaß macht oder eine Stellung nicht funktioniert.

Es geht ja nicht um einen Wettbewerb, um Höchstleistungen, um Pflichtübungen, sondern Sex soll Vergnügen bereiten. Beiden, die daran beteiligt sind. Mal wird er, mal sie mehr Genuss empfinden, mal schaffen es beide in schwindelerregende Gefühlshöhen. Nicht alles macht allen Menschen gleich viel Spaß. Abwechslung, Experimentierfreude und eine gehörige Portion Humor – falls etwas nicht gelingt – können dazu beitragen, dass Sex nicht zur Routine wird, sondern aufregend bleibt.

Eine goldene Regel

Nun mag mancher fragen: Aber was ist denn nun erlaubt? Was ist verboten? Eigentlich brauchst du eine solche Liste gar nicht mehr, falls ich mich bisher klar genug ausgedrückt habe: Ihr werdet es selbst herausfinden, wenn ihr einander achtet und liebt. Falls du wissen willst, wo beim Sex die Grenze liegt und dafür eine einprägsame Regel möchtest, so fällt die aus meiner Sicht sehr einfach aus:

  • Es ist euch beiden erlaubt, »Nein« zu sagen.
  • Es ist euch beiden nicht erlaubt, ein »Nein« zu ignorieren.

Das gilt für alle Lebensbereiche. Wer sich auch im Sexleben daran hält, hat gute Chancen auf lebenslangen erotischen Genuss, auf Leidenschaft und Liebe in seiner Ehe.

Sex auch nach Jahrzehnten

Die erotische Hitze der frühen Beziehung wird nicht ewig lodern. Jungen Menschen erscheint das zwar meist unvorstellbar, aber das ändert nichts an den Tatsachen. Der Körper deines Ehepartners wird altern, genau wie deiner. Die Hormonproduktion wird sich ändern. Dein Sexualtrieb wird abnehmen. Deine körperliche Leistungsfähigkeit wird zurückgehen. Doch das heißt nicht, dass es in den reiferen Jahren keine Leidenschaft, keinen Sex mehr geben wird. Wer in jungen Jahren ein solides Fundament gelegt hat, wird auch nach zehn, zwanzig und dreißig Jahren noch Lust auf Sex und Spaß am Sex haben – mit dem gleichen Mann, der gleichen Frau.

Liebe braucht Pflege. Von den frühen bis zu den späten Lebensjahren. Es gibt Lustkiller, denen man mehr und andere, denen man weniger aus dem Weg gehen kann. Überarbeitung, Stress im Beruf, Krankheit, Sorge oder Notlage – das lässt sich nicht immer einfach abschalten. Aber gegen übermäßigen Alkoholkonsum kann man genauso etwas tun wie gegen ein ungepflegtes Äußeres. Dass es Meinungsverschiedenheiten, gelegentlich Streit, gibt, kommt in so gut wie jeder Ehe vor. Aber dass du trotzdem nie die Achtung vor deinem Partner verlierst, liegt in deiner Verantwortung.

Die Liebe eines Paares kann frisch bleiben, auch wenn die Brüste nicht mehr so fest sind und die Erektion sich nicht mehr so unmittelbar einstellt wie noch vor zehn oder zwanzig Jahren. Vielleicht wird euch gerade das zu neuer Fantasie beflügeln, euch auf neue Ideen kommen lassen, wie die Lust entzündet werden kann. Es lohnt sich, die Liebe lebendig zu erhalten.

Darf ich dir zum Schluss ein Geheimnis verraten? Ich werde in diesem September 56 Jahre alt und habe immer noch Spaß an Liebe, Lust und Leidenschaft.


Günther J. Matthia

Günther J. Matthia ist Autor mehrerer Bücher und zahlreicher Artikel in verschiedenen Publikationen. Er lebt mit seiner Ehefrau in Berlin, nimmt am emergenten Dialog teil und beschränkt sein Schreiben nicht auf fromme ­Bereiche oder Sachtexte. gjmatthia.blogspot.de

Ethisch handeln

Lieber Gott, böser Gott

Der Gott des Alten Testaments, der das kanaanäische Volk vernichtet, ist uns unheimlich. Wir sprechen lieber nur vom lieben Gott. Greift Gott heute noch strafend ein?

Jesus nachfolgen

Meer mit Himmel

Wie kann man in enger Vertrautheit mit Gott leben? Und wieso lohnt es sich, diese Beziehung zu pflegen? ­Unsere Autorin erzählt, wie sich ihre Freundschaft zu Gott ­entwickelt hat.

Schlau werden

Junge? Mädchen?

Frau und Mann, weiblich und männlich, sind wie Pole eines Spektrums, zwischen denen wir vielfältige Mischungen des Männlichen und Weiblichen vorfinden.

Schlau werden

Ohne Anfang und Ende

Der Gedanke an die Ewigkeit kann uns verrückt machen, weil wir uns ein Leben ohne Ende nicht vorstellen können. ­Beobachtungen aus der Quantenphysik.

Gemeinsam glauben

Geht Julia in eine Sekte?

Anregungen, ungesunde Strukturen bei der eigenen Gemeinde zu identifizieren.

Bewusst leben

Planlos?!

Kommt zur eigenen Lebensplanung die Frage nach dem Plan Gottes hinzu wird es kompliziert.

Jesus nachfolgen

Unsichtbare Kämpfe

Dass es in der geistlichen Dimension Mächte gibt, die den Nachfolgern Jesu Schaden wollen, fand die Autorin zunächst abgefahren.

Bewusst leben

Liebe machen

In vielen Gemeinden scheint das Thema Sex nicht zu existieren – Ehepaare bleiben da viel zu oft auf sich allein gestellt.

Ethisch handeln

Diagnose: Multiple Sklerose

Zwei Ethikexperten suchen eine Antwort auf die Frage, ob eine Trennung aufgrund einer Erkrankung ethisch zu rechtfertigen ist.

Gemeinsam glauben

Wenn Kirche krank macht

Wenn ungesunder Druck in Gemeinden und Kirchen Menschen derart belastet, dass sie krank davon werden, handelt es sich oft um falsch eingesetzte Macht leitender Personen.

Gemeinsam glauben

Der Pastor der Zukunft

Der Beruf des Pastors ist in einer schmerzlichen Krise – die aber auch heilsam sein kann. Wie kann man hier umdenken? Welche Konsequenzen sind zu ziehen? Dafür muss die Krise richtig verstanden werden.

Bewusst leben

Stadt, Land, Fluss

Wie sollen wir wohnen? Wo – und vor allem – mit wem? Idealvorstellungen weichen jenseits der 30 oft den sich auftuenden Zwängen.

Bewusst leben

Grünschnabel oder reife Persönlichkeit

Wie sieht persönliche Reife aus? Und wie erlangen wir sie? Eine Anleitung zum Reifwerden.

Jesus nachfolgen

Ende im Gelände

Mit der Postmoderne wurde unsere Welt und unser Glaube immer komplexer. Dabei wurde vielfach alles hinterfragt und bisher sicher Geglaubtes dekonstruiert.

Bewusst leben

Möpse zum Frühstück

Axel hat seine ganz persönliche Studie durchgeführt: Wie viel weibliche Brust begegnet ihm so an einem Tag? Das Ergebnis ist ernüchternd – die Auswirkungen auf das Intimleben von Pärchen auch.

Jesus nachfolgen

Wut auf Gott

Darf man wütend auf Gott sein? Eine ganzheitliche Antwort.

Gemeinsam glauben

Marginal Men

Viele träumen davon, als Außenseiter ihre Gemeinde zu verändern. Auf der Suche nach Erfahrungsberichten von erfolgreichen Reformern erlebten wir eine Überraschung.

Jesus nachfolgen

Die Kunst des Sehens

Spricht Gott auch heute noch direkt zu uns? Klar, sagt unsere Autorin und weiß Einiges aus ihrem Leben dazu zu berichten.

Jesus nachfolgen

Körperglaube

Hier lernst du drei Gebetsgesten, um die leibliche Dimension in deine Gottesbeziehung zu integrieren.

Schlau werden

Muse, küss mich!

Kann man Kreativität lernen? Artdirektorin Eva Jung erklärt hier, wie man seine Schöpfungskräfte in Bewegung setzt.

Jesus nachfolgen

Hineingeschlittert

Jugendbewegungen sind idealistisch. Doch was passiert, wenn die jungen Gläubigen erwachsen werden?

Ethisch handeln

Finanzielle Verantwortung

Zwei Ethikexperten beantworten die Frage, ob man notleidende Freunde unterstützen muss. Auch wenn das Verzicht bedeutet.

Jesus nachfolgen

Erwachsen glauben

Der Glaube eines Menschen ist nichts Statisches, er kann sich entwickeln und reifen. Unser Autor erzählt, wie das bei ihm aussieht.

Schlau werden

25 Dinge, an denen du erkennst, dass du erwachsen bist

Selbsterkenntnis ist ein Privileg für Personen über 30. Hier der Beweis.

Jesus nachfolgen

Kopf-Herz-Ding

Wie es sich lebt, wenn der eigene Glaube den Beruf ausmacht und wie man überlebt, wenn der Beruf den Glauben bestimmt. Ein selbstkritisches Hinterfragen einer Hauptamtlichen.

Gemeinsam glauben

Wohnraum teilen

Seine Wohnung mit Gästen zu teilen mag unbequem sein. Doch die Begegnungen sind es allemal wert.

Bewusst leben

Mutterliebe

Einen Diskurs über Mutterschaft sucht unsere Autorin in ihrer Umgebung vergebens. Also legt sie selber ihr Scherflein in die Waagschale.

Gemeinsam glauben

Fremd

Gemeinde und Frömmigkeitsstil, die für die einen zur Heimat geworden sind, bleiben für die anderen völlig fremd.