Gemeinsam glauben

Marginal Men


Viele träumen davon, als Außenseiter ihre Gemeinde zu verändern. Auf der Suche nach Erfahrungsberichten von erfolgreichen Reformern erlebten wir eine Überraschung.

Von Daniel Hufeisen

Eine andere Meinung

Außenseiter gibt es überall. Auch in christlichen Gemeinden. Wenn eine Person eine andere Meinung hat als die Mehrheit der Gemeinde, führt das schnell zu Konflikten und dazu, dass der »Abweichler« ein Außenseiter wird. Besonders Jugendliche und junge Erwachsene erleben das häufig: Entweder ist ihnen ihre Heimatgemeinde zu eng oder zu altmodisch oder sie kommen in eine neue Stadt und finden dort eine Gemeinde, die in vielen Punkten nicht ihrer ehemaligen Gemeinde und den dort vertretenen Vorstellungen entspricht. Aber was kann ich machen, wenn ich als Einzelner anderer Meinung bin? Wie überzeuge ich meine Gemeinde? Wie gewinne ich sie für eine neue Idee?

Die Suche nach Reformern

Die Suche nach Erfahrungsberichten von Außenseitern, die versucht hatten, ihre Gemeinde zu überzeugen und zu verändern, gestaltete sich unerwartet schwierig. Beispiele für Gemeindemitglieder, die auf Unverständnis gestoßen sind und daraufhin ihre Gemeinde verlassen haben, waren uns bekannt. Aber wir konnten niemanden finden, der es geschafft hatte, als Einzelner seine Gemeinde zu überzeugen.

So fragten wir den Gemeindeberater Harald Sommerfeld aus Berlin, ob er jemanden mit einer solchen Geschichte kenne. Seine Antwort auf diese Anfrage überraschte uns, brachte uns aber auch weiter auf der Suche nach der Antwort auf die Frage, wie man als Außenseiter seine Gemeinde überzeugen kann. Harald schrieb: »Ich bin skeptisch, ob das der thematisch richtige Ansatz ist. Organisationen können meines Erachtens in der Regel nicht von Außenseitern verändert werden. Außerdem haben Außenseiter keinen Anspruch darauf, dass man ihnen folgt, nicht einmal, wenn sie Recht haben. Das legitime Ziel von Außenseitern in einer Organisation besteht vor allem darin, dass man ihnen Freiräume einräumt, innerhalb derer sie ihre Vorstellungen praktizieren können. Wenn daraus dann eine beeinflussende Wirkung hervorgeht, umso besser.

In einer traditionellen Gemeinde sollte der progressive Einzelne sich zunächst keine ehrgeizigeren Ziele stecken, als einvernehmlich seine persönliche Nische bewilligt zu bekommen. Beispiele: Statt eine Gottesdienstreform zu bewirken, führt der gangbare Weg zunächst eher über zusätzliche ›Sparten‹-Gottesdienste.

Organisationen – also auch Gemeinden – werden nicht durch Außenseiter, sondern vor allem durch ›Marginal Men‹ verändert – also durch Leute, die sowohl integriert als auch abweichend sind, die gleichzeitig Bewahrer und Vordenker sind.

Außenseiter werden neue Sichtweisen immer als Herausforderung präsentieren (oder so verstanden werden) und haben damit angesichts des Sicherheitsdenkens der Mehrheit wenig Chancen. Nur wer der Mehrheit die Sicherheit vermittelt, einer von ihnen zu sein, kann sie für Neues aufschließen.

Ein Indiz dafür, dass es so ist, könnte die Tatsache sein, dass euch selbst kein passender Reformer eingefallen ist. Die scheint es also nicht zahlreich zu geben.«

Gehen oder Freiraum finden?

Es scheint zu stimmen, dass es nicht viele Außenseiter gibt, die ihre Gemeinde verändert haben. Wir mussten auch feststellen, dass es so viel mehr unseren Erfahrungen entsprach: Wir kennen viele, die davon träumen, als Außenseiter ihre Gemeinde zu verändern, die sich dann aber irgendwann aufreiben. Immer mehr Menschen setzen sich damit auseinander, ob und wie sie ihre Gemeinde reformieren können oder ob sie alternativ den Weg wählen, aus der Gruppierung auszutreten und woanders ihr Glück zu versuchen.

So ging es auch einem unserer Redakteure, der zunächst in einer traditionellen Gemeinde war, die aber irgendwann nicht mehr seinem Glauben und Denken entsprach. Der vergebliche Versuch, etwas zu verändern, zehrte so sehr an ihm, dass er schließlich beschloss, diese Gemeinde zu verlassen. Die Alternative, Kompromisse einzugehen und sein anderes, der Gemeinde nicht mehr entsprechendes, Denken zu unterbinden, war für ihn keine Option.

Harald Sommerfeld schreibt, dass Außenseiter sich als Ziel setzen sollten, eine Nische in der Gemeinde zu finden, in der sie den Freiraum haben, ihren Vorstellungen entsprechend aktiv zu werden. Dabei sollten sie nicht den Anspruch haben, dass dies zu einer Gemeindereform führt. Wenn so etwas in einer Gemeinde nicht möglich ist, gibt es wohl nur die Optionen sich entweder vollkommen anzupassen oder eben auszutreten.

Meine Erfahrung

Eine Nische gefunden habe ich als Jugendlicher in meiner Gemeinde. Da wir unseren Glauben nicht auf einer uns entsprechenden Art und Weise in der Gemeinde leben konnten, gründete ich zusammen mit meinem Bruder und ein paar Freunden eine Jesus-Freaks-Gruppe. In dieser Gruppe hatten wir alle Freiheiten und bekamen durch den Kontakt zu anderen Jesus Freaks wertvolle Inspirationen. Auch wenn es keine offizielle Anbindung gab, blieben wir auch in der Gemeinde als Mitarbeiter aktiv und verknüpften häufig die Aktionen der Jesus-Freaks-Gruppe mit der Gemeindearbeit. Dies führte zu keinen großen Reformen, es ermöglichte uns aber gleichzeitig in der Gemeinde zu bleiben und unsere Vorstellungen auszuleben.

Ich wage also die These: Wenn du deine Gemeinde wirklich verändern willst, darfst du kein Außenseiter bleiben. Du musst zu einem ›Marginal Man‹ werden, jemand der voll dazugehört und trotzdem nach vorne denkt und Alternativen sieht. Jemand, der in beidem zuhause ist: im Alten und im Neuen. Dieser Spagat ist unheimlich schwer, und das nicht nur als einfaches Gemeindemitglied, sondern auch als Leiter oder Pastor.

Und du wirst dabei immer feststellen, dass Veränderung Zeit braucht. Aber wenn du behutsam vorgehst und dabei auch für Kompromisse bereit bist, wachsen deine Chancen auf Veränderung um ein Vielfaches.


Daniel Hufeisen

Daniel Hufeisen lebt in Berlin und ist glücklich verheiratet. Er hat Gesellschaftstransformation studiert und engagiert sich bei Emergent Deutschland, einem Netzwerk, das danach fragt, wie Glauben und Gemeinde heute gedacht und gelebt werden können. Er ist ›Lounge-DJ‹, fährt Fahrrad und interessiert sich für Gott und seine Welt. www.einaugenblick.de

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