Bewusst leben

Möpse zum Frühstück


Axel hat seine ganz persönliche Studie durchgeführt: Wie viel weibliche Brust begegnet ihm so an einem Tag? Das Ergebnis ist ernüchternd – die Auswirkungen auf das Intimleben von Pärchen auch.

Von Axel Brandhorst

Ich hab’ mal wieder etwas getan, was man nicht tut: Ich habe Möpse gezählt. Ja, genau: Titten, Melonen, Bespaßungsvorbauten und was es noch so an inflationären Bezeichnungen für die weibliche Brust gibt. Ich entschuldige mich gleich eingangs für die wüste Sprache, doch sie tut Not, um zu unterstreichen, was ich sagen will. Wer bis zum Ende durchhält, wird mich verstehen. Einen ganzen Tag lang habe ich von morgens bis abends für jedes un- oder aufreizend bekleidetes Paar weiblicher Säuglingsernährungsvorrichtungen, welches mir gedruckt, digital oder in Natura im wahrsten Sinne des Wortes ins Auge sprang, einen Strich in mein kleines Geheimbüchlein gemacht. Ich verrate die Summe der Strichlein nicht, es sei aber angemerkt, dass sie mich trotz meiner Rolle als Protagonist der Erhebung in baffes Erstaunen versetzt hat und mich so mancher Beobachter meines Tuns in Anbetracht der Menge an Strichlein und der Absenz sonstiger Schriftzeichen auf den benötigten Geheimbüchlein-Seiten nun sicher für völlig dem Wahn anheimgefallen hält. Sei’s drum, was die anderen denken, steht sowieso nicht in meiner Macht.

Was dabei auffällt, war den meisten eh schon klar: Am häufigsten wird die weibliche Brust in der Werbung missbraucht. Hierbei scheint ein Ideal angestrebt zu werden, das inzwischen nur noch mit höchstens 18 Jahren, viel Gift und noch mehr Silikon zu erreichen ist. Ach ja: Natürlich geht’s viel leichter. Dank Photoshop.

Die Realität wiederum eifert der Werbung nach, aber da die Realität nicht photoshopbar ist, müssen hier Abstriche gemacht werden. Das scheint nicht jedem zu passen, und so gibt es ja auch inzwischen einen ganzen Haufen Männer, denen ihr, liebe Frauen, nicht mehr genügt und die sich von der Realität verabschiedet haben, um ihre Sexualität ins Virtuelle zu verlagern und um ein paar gefühlte Level anzuheben. Das löst einige Probleme mit einem Aufwasch: Weder Scham noch Einfühlungsvermögen, weder Rücksicht noch Einlassen, weder Tiefe noch Zugeständnisse sind mehr nötig, und trotzdem ist ein reges Sexualleben einfach und sauber zu haben.

Aber auch mit den anderen, die die Realität vorziehen, passiert etwas. Schon lange ist zu beobachten, dass die Sexualisierung der Öffentlichkeit die noch vorhandenen Restzweisamkeiten entsexualisiert. Eigentlich klar: Wer den ganzen Tag mit Intimität zugeballert wird (und genau das ist es, was der Anblick weiblicher Brüste bei uns Männern auslöst: ein Gefühl von Nähe, ein Stück vom Himmel, gefunden im Gegenüber), der ist dann schon bedient, wenn der Partner auf der Matte steht. Nicht, dass jeder mit Unlust auf seinen Partner reagiert; so mancher ist auch spitz wie Nachbars Lumpi und muss die angesammelte Spannung abbauen – aber unsere Kraft und Lust auf Intimität, die ist begrenzt. Und wenn die bereits frühmorgens per Knusperflockenwerbung von einer/einem anderen weggefrühstückt wird, dann gibt’s für den Partner zwar noch Sex, aber halt keine Intimität mehr.

Besonders prädestiniert für Probleme sind Paare, bei denen der eine übersättigt und lustlos, der andere umso aktiver wird von der täglichen Propaganda-Sexinflation. Denn zu erwarten, dass ein Mensch dauerhaft mit ungestillten Bedürfnissen klarkommt, ist zwar edel, aber völlig illusorisch. Und Angebote zur einfachen Erfüllung ebendieser Bedürfnisse gibt es ja mannigfaltig geartet und in herzanrührendem Überfluss.

Es sei der Vollständigkeit halber kurz angemerkt, dass die erwähnten Spitz-Stumpf-Beziehungszusammensetzungen nicht die allergefährdetsten sind. Auch wirkliche, nicht vorgetäuschte Intimität ist ein Bedürfnis, und wenn wir eine Spitz-Spitz-Kombination haben, wird fröhlich gepoppt, was beide zufriedenstellt, während der Mangel an Intimität unmerklich wächst. Und dass so ein Loch in der Seele gesund sein soll, nur weil es nicht bemerkt wird, ist auch nicht wirklich logisch, oder? Dito die Stumpf-Stumpf-Kombination: Hier haben wir das gleiche Problem, nur ohne Sex. Wir sehen: Die Lösung, so es eine gibt, liegt woanders.

Die Lösung verrat ich aber nicht. Sonst sagt ihr’s ja weiter, und nachher weiß es jeder ... nur ein paar Schlussfolgerungen fürs tägliche Leben will ich vorschlagen:

Tipps zur praktischen Anwendung

  1. Reize reduzieren. Das ist nicht einfach, denn sie lauern überall. Aber Hand aufs Herz: Wer von uns braucht mit nackter Perfektion beworbene Frühstücksflocken? Und dagegen kann man was unternehmen: in Tupperware umfüllen, dem Hersteller die Meinung schreiben, andere kaufen und noch viel mehr.
  2. Mit dem Partner thematisieren, was das Zeug mit dir macht. Es gibt niemanden, mit dem es nix macht; und für das, was es mit dir macht, kannst du nix. Das ist Veranlagung – oder Schöpfung, für die Christen unter uns :-)
  3. Dich auf den Partner einlassen. In einer ähnlich sexualisierten Welt schrieb ein berühmter Theologe einen gutgemeinten Ratschlag (1. Korinther 7,2). Auch und gerade im nicht-Perfekten liegt ein Reiz! Nämlich der der Bedürftigkeit nach dem Gegenüber.
  4. Poppen, was das Zeug hält! Die Werbeheinis versprechen uns ein Stück Himmel, wenn wir ihren Ramsch konsumieren – und halten es nicht. Du kannst darauf verzichten – und ein echtes Stück Himmel erleben, indem du dich auf deinen Partner einlässt.

Am Ende will ich noch erwähnen, dass ich das hier sehr männlich wahrgenommen habe. Das liegt daran, dass ich ein Mann bin. Für die Frauen gilt das gleiche Prinzip, nur bekommen sie anderes vor die Nase. Aber darüber soll eine Frau schreiben!
Und was machen die Singles? Keine Ahnung. Vielleicht muss da ein Single drüber schreiben.

© Axel Brandhorst


Axel Brandhorst

Axel Brandhorst ist in zweiter Ehe verheiratet und Vater einer bezaubernden Tochter. Er lebt im Kanton Bern in der Schweiz und ist im deutschsprachigen Raum in Seelsorge und psychologischer Beratung unterwegs. Sein Herz schlägt dafür, Menschen zu befähigen, eine gute Beziehung mit sich, ihrem Schöpfer und anderen Menschen leben zu können. www.axelbrandhorst.org

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