Schlau werden

Muse, küss mich!


Kann man Kreativität lernen? Artdirektorin Eva Jung erklärt hier, wie man seine Schöpfungskräfte in Bewegung setzt.

Von Eva Jung

Ich habe mir vor kurzem ein Buch gekauft: ein dickes, großes Teil. Allerdings sind nur die ersten Seiten bedruckt. Und dann folgen viele unbeschriebene Seiten mit einer speziellen Aussparung. Man kennt diese Art Bücher aus Ganoven- und Kriminalromanen: Normalerweise findet man im Inneren eine Pistole oder Schmuggelgut. In meinem neuen Buch wurde aber kein Schießeisen versteckt – in die Aussparung dieses Buches passen haargenau 36 Würfel, die wiederum mit insgesamt 192 verschiedenen Icons bedruckt sind. Und diese 192 Bilder reichen für alle Geschichten dieser Welt – sagt zumindest der Verlag, der das Buch herausgebracht hat. Und ich finde, das sagt er zu Recht.

Das Buch ist kein Buch im klassischen Sinn, sondern die besondere Verpackung eines Spiels, das die gedankliche Kreativität herausfordern will. Die Spielregeln sind einfach: Man wählt ein Genre wie etwa eine Dankesrede, eine Ausrede bei der Polizei oder einen Heiratsantrag, wirft vier bis fünf der Würfel und schreibt in drei Minuten eine Geschichte, in der die erwürfelten Abbildungen auf irgend eine Weise vorkommen. Jetzt wird die beste Geschichte ausgewählt und weiter geht’s mit der nächsten Runde.

Keine Idee, wie das gehen soll? Okay, nehmen wir an, die Abbildungen der Würfel zeigen Folgendes: Walfisch, Apfel, Tabletten, Spritze … Du sollst eine Ausrede an einen Polizisten formulieren, der dich gerade wegen einer Geschwindigkeitsüberschreitung angehalten hat.

Version 1: »Entschuldigen Sie, Herr Wachtmeister, auf dem Weg zu Walmart hat sich mein Mann an einem Apfel verschluckt, darum musste ich schnell zur Apotheke heizen, um für ihn Tabletten zu holen. Dabei ging auch noch mein Einspritzer kaputt.«

Version 2: »Der Wal im Zoo hat heute Morgen vergessen, die Tabletten gegen seine Apfelallergie einzunehmen. Jetzt muss ich ihn schnell retten und ihm eine Spritze verpassen.«

Die Geschichten, die da am Ende herauskommen, sind einfach schräg, komplett an den Haaren herbeigezogen und – sehr kreativ. Spätestens nach der ersten Runde ist allen klar: Bei diesem Spiel muss man kein Texter sein. Das kann jeder. Natürlich lässt die Qualität und Sinnhaftigkeit so mancher dieser Storys zu wünschen übrig. Aber bei dem Spiel geht es nicht darum, die nächste Generation Bestsellerautoren zu entdecken, sondern dem Gehirn ein wenig Jogging zu verpassen und einfach eine Menge Spaß miteinander zu haben.

Fantasievolle Menschen spielen dieses Spiel ständig – auch ohne Würfel, Spielaufforderung und genau beschriebene Regeln. Sie nehmen einfach alles um sich herum als Anregung, um etwas Neues zu schaffen. Dieses simple Spiel ist eine wunderbare Erklärung dafür, wie Fantasie funktioniert. Man kombiniert Vorhandenes zu etwas Neuem. Das war’s. Mehr ist es wirklich nicht. Menschen, die sich als fantasielos bezeichnen, können das auch. Aber sie tun es möglicherweise nicht gern. Oder sie wissen nicht, dass es Spaß macht. Oder sie sind bedauerlicherweise jemandem begegnet, der ihre zaghaften Versuche mit vernichtender Kritik im Keim erstickte. Daraufhin haben sie aufgegeben, sich von ihrer Fantasie in neue Geschichten verstricken zu lassen.

Die fünf Tipps

  1. Lass dich von deiner Umgebung inspirieren! Mach es wie der große Künstler und Erfinder Leonardo da Vinci: »Ich habe in den Wolken und an den Mauern schon Flecken gesehen, die mich zu schönen Dingen verschiedenster Art anregten.«
  2. Fantasie ist neugierig! Wie aufgeweckt beobachtest du deine Umwelt? Nimm nicht alles um dich herum als gegeben, sondern halte Ausschau nach neuen Möglichkeiten. Um deine Fantasie anzuregen, tue zweierlei: Stelle gute Fragen und stelle dich guten Fragen. Antworten binden den Sack zu – Fragen tun Welten auf.
  3. Fantasie hat Mut zum Fehler! Die erste Runde bei obigem Würfelspiel ist meistens recht verkrampft. Nach der zweiten Runde sind sich alle klar darüber, dass man eigentlich nichts falsch machen kann. Ab der dritten Geschichte haben alle schon mindestens einmal gelacht, haben sich warmgeschrieben und trauen sich, ihrer Fantasie freien Lauf zu lassen.
  4. Fantasie ist optimistisch! Lass dich nicht entmutigen, sondern nimm eine Enttäuschung zum Anlass, einen neuen Weg zu finden. Die Chinesen verwenden zwei Pinselstriche, um das Wort »Krise« zu schreiben. Ein Pinselstrich steht für Gefahr, der andere für Gelegenheit. Erkenne die Gelegenheit zur Kreativität in einer Krise.
  5. Halte Ausschau nach guten Quellen. Ich glaube an den Gott, von dem in der Bibel berichtet wird, dass er alles geschaffen hat, was wir wahrnehmen können (und noch mehr!), einen Gott, der mit seiner Schöpfung längst nicht fertig ist. Täglich schafft er einen neuen Tag für jeden Mensch auf dieser Erde. Individuell, noch nie da gewesen, unwiederholbar, überraschend, alltäglich unalltäglich. Dieser Gott will dich inspirieren, das Leben, die Welt und alles darin zu entdecken und damit zu interagieren. Er fordert dich täglich heraus, mit dem, was du zur Verfügung bekommen hast, etwas anzustellen. Und er hilft dir, wenn dir nichts mehr einfällt – selten mit Würfeln, oft mit Dingen, die er dir in den Weg stellt und die du überklettern, aus dem Weg räumen oder aufgrund derer du einen anderen Weg wählen kannst. Und er lässt dich nicht allein: Andere Menschen bereichern dein Leben und bringen Bewegung in dein Denken und Handeln.

Lass dich inspirieren: von deiner Umgebung, vom Alltäglichen, vom Besonderen, vom Sichtbaren und vom Unsichtbaren – von allem, was dir das Leben täglich zusammenwürfelt.


Eva Jung

Eva Jung ist Geschäftsführerin der Kreativschmiede gobasil.com aus Hamburg und als Designerin, Art-Direktorin und Kreativ-Beraterin tätig. Sie ­initiierte und gestaltet unter anderem die christliche Internetplattform godnews.de und hat für die Neugestaltung der BasisBibel viele nationale und internationale Kreativpreise erhalten. www.godnews.de

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