Bewusst leben

Mutterliebe


Einen Diskurs über Mutterschaft sucht unsere Autorin in ihrer Umgebung vergebens. Also legt sie selber ihr Scherflein in die Waagschale.

Von Cosima Stawenow

Seit ich Mutter bin, fühle ich mich schuldig. Ich fühle mich schuldig, wenn ich meine Tochter im Kindergarten abliefere (Da fühlt sie sich bestimmt ganz alleine ohne mich!). Ich fühle mich schuldig, wenn ich sie nachmittags eine halbe Stunde später als üblich wieder abhole (Bestimmt hat sie große Sehnsucht nach mir gehabt!). Ich fühle mich schuldig, wenn ich meine Arbeit an einem Artikel verschiebe, weil ich meine Zeit lieber mit meiner Tochter verbringen will (Ich hätte schon längst mit dem Schreiben anfangen müssen!). Ich fühle mich schuldig, wenn ich den Artikel schließlich doch noch auf einer Bank auf dem Spielplatz schreibe, anstatt mit meiner Tochter im Sand zu graben (Natürlich gelte ich jetzt als Rabenmutter!).

Wie fühlt es sich an, Mutter zu sein?

Mutter sein war und ist in Deutschland eine Zerreißprobe zwischen zwei Idealen, die da heißen »Karriere trotz Kind« und »Mama bleibt zu Hause«. Keiner der beiden Entwürfe machte für mich Sinn. Ich wollte und musste arbeiten. Aber ich wollte und musste auch viel Zeit mit meinem Kind verbringen.

Meine in Russland aufgewachsenen Freundinnen kümmerten sich zum Glück nicht sonderlich um diese Schwarz-Weiß-Malerei. Sie fragten mich nicht, wie ich denn jetzt beruflich weiterkommen will mit Kind. Sie sagten auch nicht: »Die schönste Zeit im Leben ist die mit einem Baby. Genieß es und gib es bloß nicht in andere Hände. Dem Kind geht es nur bei der Mutter gut.« Kurz: Sie interessierten sich weder für das Lied von der »Vereinbarkeit« noch für den Mutter-Kind-Honeymoon.

Als ich Mutter wurde, fragten sie mich als Erstes: »Wie fühlt es sich an, Mutter zu sein?« Doch auf genau diese Frage war ich nicht vorbereitet. Die Gesellschaft, in der ich aufgewachsen war, hatte mir gesagt: Dabei fühlt man nichts; Kinder zu zeugen, zu bekommen und zu erziehen ist physisch und nicht gefühlsduselig.

Muttersein als tägliches Experiment

Als Anfängerin in Sachen Mutterliebe wusste ich nicht, ob ich meine Gefühle zeigen durfte. Die Gesellschaft – und damit meine ich gerade den arbeitgebenden Teil der Gesellschaft – ging auf einmal in die Defensive, aber auch meine Freunde und Verwandten. Alles schien abzuwarten. Alles wartete darauf, dass ich aus dem Muttersein meinen individuellen Lebensentwurf bastele, dass ich das Rad neu erfinde und dabei auf keinen Fall einen Fehler begehe.

Ich entschied daher, Kinderkriegen und -haben als etwas zu handhaben, das man ohne viel Getue erledigt – möglichst schnell und ohne dass es einer merkt. Ich dachte dabei an Storys aus Lifestyle-Magazinen, die in etwa so klangen: Frau kriegt Kind, verheimlicht das aber vor ihrem Chef, ja, sie arbeitet sogar noch mehr, während die Großeltern das Kind aufziehen. Aber Pech: Der Chef kündigt trotzdem. Oder die hier: Ein Vater nimmt zwei Monate Elternzeit, kommt danach zurück zur Arbeit und wird gekündigt. Solche Geschichten produzierten in mir das vage Gefühl, dass man mit Kind von vornherein verloren hat – egal, wie man es anstellt.

Ich geriet immer mehr in eine Zwickmühle. Ich sah das Muttersein immer öfter als eine Art tägliches Experiment an, in dem grenzenlos Liebe, Zeit und Fürsorge verschenkt werden sollen, während eine strenge Jury aus Arbeitgebern, Freunden, Verwandten und Spielplatzbekanntschaften sich akribisch Notizen macht.

Das sind doch alles Hormone

Ich habe nie daran gezweifelt, dass ich meine Tochter liebe. Das war von der ersten Sekunde an klar. Aber ich habe die Liebe zu ihr als etwas Privates, Unaussprechliches und Unerklärliches, fast Peinliches empfunden. Die Frage, wie ich mich als Mutter fühle, hat genau diesen privaten Punkt getroffen. Jetzt weiß ich, meine Scham liegt darin begründet, dass unsere Gesellschaft die Mutterliebe zwar nicht verneint, aber eben auch kein zufriedenstellendes Erklärungsmodell für sie bietet.

Die Liebe einer Mutter zu ihrem Kind – das liest man schon in den Schwangerschaftsratgebern – seien einfach Hormone, die beim Stillen ausgeschüttet werden. Sowieso »liebt« man sein Kind ja nur deshalb, weil man aufs Kindchenschema reinfällt. Weil man seinen Nachwuchs schon aus biologischen und ökonomischen Gründen vor Bösem schützen muss. Und weil schließlich auch der Neandertaler und der Hund für ihre Kinder sorgen. All das mag sein, aber es erklärt einfach nichts.

Sprechen über Liebe neu erfinden

Die Mutterliebe wird durch diese Definitionsversuche nicht nur überhaupt nicht erklärt. Durch die billigen Verweise auf den Mikrokosmos oder die Frühgeschichte wird ihr ein Platz in der Mitte der Gesellschaft abgesprochen. Bleibt der private Bereich, in den hilfreiche Antworten und Vernetzungen selten vordringen und wo es für junge Mütter und Väter ganz schön einsam werden kann.

Die Psychoanalytikerin Julia Kristeva bringt dieses Defizit auf den Punkt: »Die Säkularisierung ist die einzige Zivilisation, die keinen Diskurs über die Mutterschaft hat«, schreibt sie 2011 in der französischen Zeitung »Le Monde«. Kristeva hat selbst einen Sohn, der behindert ist, und sieht sich dadurch in einer zweifachen Erklärungsnot: Wie die Mutterliebe, wie die Liebe zu einem behinderten Menschen sinnvoll und sinnerhaltend erklären?

Da unsere Gesellschaft so konstruiert ist, dass das Zusammenleben keine Erfahrungswerte abwirft, müsse das Sprechen über Liebe im Allgemeinen und Mutterliebe im Speziellen immer wieder neu erfunden werden, so Kristeva.

Neu erfinden? Klar doch. Aber nur, wenn meine persönliche Neu-Definition auch ein Existenzrecht hat auf dem Markt der Möglichkeiten. Wenn ich den Diskurs über die Mutterliebe neu erfinden dürfte, dann würde ich sagen: Mutterliebe ist ein gänzlich unerklärliches Gefühl, das durch keine wissenschaftliche, kirchliche oder politische Agenda definiert oder instrumentalisiert werden darf. Ich würde sagen: Ich liebe mein Kind so sehr, dass mir das geldabhängige Arbeiten ab sofort sinnlos erscheint – auch wenn ich arbeiten darf, will und manchmal sogar muss. Und ich dürfte ab sofort auf dem Spielplatz meine Artikel schrei­ben, ohne gleich als Rabenmutter zu gelten.

Ursprüngliche Fassung auf freeek.wordpress.com


Cosima Stawenow

Cosima Stawenow hat eine Tochter und einen Master in Literaturwissenschaft. Seit 2009 ist sie als Texterin, Redakteurin, Wissenschafts- und Buch-Lektorin selbstständig und hat 2010 Stawenow Textdesign gegründet. www.stawenow-textgrafik.de

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