Bewusst leben

Stadt, Land, Fluss


Wie sollen wir wohnen? Wo – und vor allem – mit wem? Idealvorstellungen weichen jenseits der 30 oft den sich auftuenden Zwängen.

Von Dagmar Begemann

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Sprecher: Daniel Schneider

Meine Freunde und ich waren eine eingeschworene Clique aus sieben Personen. Im Laufe eines unserer Treffen, bei denen wir für gewöhnlich bis spät in die Nacht über Gott und die Welt debattierten, beteten und irgendwie versuchten, die Sache mit Jesus und unserem Leben in Einklang zu bringen, stolperten wir über eine Aussage aus der Bibel: »Alle, die an Jesus glaubten, hielten fest zusammen und teilten alles miteinander, was sie besaßen« (Apostelgeschichte 2,44). Da wir – damals alle so um die achtzehn Jahre alt – mehr als bereit waren, die Bibel wörtlich zu nehmen, war es für uns keine Frage, ob Jesus will, dass wir das praktizierten, sondern lediglich, wie wir das umsetzen sollten.

So entschieden wir, KOMMUNisten zu werden: Wir wollten zusammenziehen und eine jesusmäßige Gemeinschaft sein. Diese Gemeinschaft nannten wir – ohne groß über politische Hintergründe nachzudenken – »Kommune«.

Nur, wie sollte das gehen? Wir waren alle noch in der Schule, wohnten zu Hause und keiner verdiente eigenes Geld. Irgendwie ließen sich die Eltern von einer aus der Gruppe überzeugen, uns für unser Wohnexperiment ihr Wochenendhaus zur Verfügung zu stellen und so zogen wir kurzerhand in die Schrebergarten-Siedlung. Zumindest erst mal für sechs Wochen.

Am Gartenzaun prangte ein großes Schild »Hier wohnen ...« mit allen unseren Namen. Im Haus teilten wir Mädchen uns zu viert den Keller als Schlafraum. Die Jungs schliefen oben in zwei Minizimmern. Wir hatten nur eine Toilette und die war im Badezimmer. Jeden Morgen warfen alle ihre Schultaschen in meinen klapprigen Fiat Panda. Ich fuhr damit zum Schulhof, während die anderen mit den Fahrrädern nachkamen und ihre Taschen dann bei mir am Auto abholten. Da wir alle auf der gleichen Schule waren, gab das einigen Gesprächsstoff unter Mitschülern und Lehrern.

Ich kann mir heute gut vorstellen, wie skurril unser Experiment auf unser Umfeld gewirkt haben muss. Aber ich weiß auch, wie wichtig diese Zeit für mich war. Ich habe eine Erfahrung mitgenommen, die mich auch heute noch prägt: Leben in Gemeinschaft. Der Sehnsucht danach bin ich bis heute nachgegangen, auch wenn die Gemeinschaft sich im Laufe der Jahre immer wieder geändert und den Lebensumständen angepasst hat.

Eine kleine Wohnbiografie

Mein Studium brachte mich nach dem Abitur in die Großstadt. Dort war das Wohnen geprägt von Wohngemeinschaften. Alle in unserer Gemeinde lebten irgendwie zusammen und in einem Stadtteil. Der ehemalige Laden, den ich bewohnte, war allerdings eine »WG unter erschwerten Bedingungen«: Wir hatten nur Durchgangszimmer. Mehrere Jahre teilte ich mir mit verschiedenen Mitbewohnerinnen und Mitbewohnern und unendlich vielen Gästen 50 Quadratmeter. An Privatsphäre war in dieser Zeit nicht zu denken.

Erst als ich heiratete, wurde es etwas ruhiger. Unsere ersten fünf Ehejahre bewohnten wir den Laden zu zweit. Unsere Freunde taten es uns gleich: Spätestens mit der Hochzeit verließen sie die WGs und suchten sich eine Wohnung im Stadtteil.

Dann kamen rund um uns herum die Kinder und damit wurde vieles anders. Mit dem ersten Kind blieben die meisten noch in der Innenstadt. Aber spätestens beim zweiten kam die Frage auf, ob nicht ein eigenes Haus am Stadtrand jetzt die bessere Wahl sei. Damit begannen die etlichen Umzüge in Reihenhäuser und hier bin ich dann ausgestiegen.

Für mich war das Leben in Gemeinschaft weiterhin ein Thema, dem ich nachgehen wollte. Da mein Mann und ich keine Kinder hatten und nicht beruflich gebunden waren, entschieden wir, die Stadt zu verlassen und aufs Land zu ziehen. Freunde von uns lebten auf einem abgelegenen Bauernhof und dort wurde eine Wohnung frei. Mit dem großen Traum vom kommunitären Leben, Büchern über Klöster und dem Wunsch nach verbindlicher Gemeinschaft im Gepäck, sind wir umgezogen.

Am Anfang lief es sehr vielversprechend. Alle, die auf dem Hof wohnten, trafen sich jeden Tag zum gemeinsamen Gebet und abends aßen wir zusammen. Ich liebte den Hof und genoss es, in der Natur zu sein. Aber nach und nach wurde mir das Leben weitab vom Schuss zu eng. Dinge, die in der Stadt selbstverständlich waren, gab es auf einmal nicht mehr. Niemand kam spontan zu Besuch. Wegen jeder Kleinigkeit musste man ins Auto steigen. Und abends weg zu gehen wurde zur Seltenheit. Die Landidylle konnte das leider nicht wettmachen. Nach fünf Jahren verließen wir den Hof wieder.

Allerdings wollte ich nicht alles über Bord werfen, was ich über die Jahre gelernt hatte. Deswegen suchte ich nach einer Lösung, die das Gute aus allen Stationen meiner Wohnbiografie vereinte. Ich wollte in der Stadt leben, aber nicht alleine. Ich wollte mit anderen Gemeinschaft haben, aber mich davon nicht einengen lassen. Ich wollte mein Leben teilen, aber auch die nötige Privatsphäre behalten.

Die Lösung kam in Form eines kleinen Innenstadthäuschens, das genau neben dem Haus von Freunden lag. Das Haus war groß genug für uns beide und hatte sogar noch zwei Zimmer mehr als wir benötigten. Das eine Zimmer blieb nicht lange leer: Eine gute Freundin von uns zog kurz darauf bei uns ein. Das zweite ist ein gern genutztes Gästezimmer für Bekannte von nah und fern.

Mit unseren Nachbarn haben wir eine Essgemeinschaft begonnen. Wir essen vier bis fünf mal pro Woche gemeinsam. Manchmal kommen auch noch andere Freunde und Bekannte dazu, sodass der Esstisch zum wichtigsten Punkt unserer gelebten Gemeinschaft geworden ist. Da wir mittlerweile auch altersmäßig sehr gemischt sind, hat das fast ein bisschen was von Großfamilie.

Ich fühle mich mit unserem Modell sehr wohl und freue mich, einen Weg gefunden zu haben, meiner Sehnsucht nach gelebter Gemeinschaft treu geblieben zu sein, auch wenn das Leben sich verändert hat.

Wohnlandschaft

In meinem Umfeld sind die Wohnbiografien genauso unterschiedlich wie die Menschen, mit denen ich zu tun habe. Natürlich sind einige in Reihenhäuschen am Stadtrand gelandet und damit sehr glücklich. Andere leben mit ihren Kindern in funktionierenden kommunitären Gemeinschaften. Manche haben ihr Gespartes oder Ererbtes in Häuser in Großstädten gesteckt und sind jetzt Vermieter. Wieder andere sind nicht wirklich sesshaft geworden und wohnen mal hier, mal da.

Viele sind – wie ich – sehr idealistisch aufgebrochen, haben im Bauwagen oder in Bussen gewohnt, Häuser besetzt oder ganz auf ein festes Dach verzichtet. Manche mussten ihre ehrgeizigen Projekte nach einiger Zeit einstellen, andere konnten sie den Umständen anpassen und sie so erhalten. Alle haben gemeinsam, dass ihr Lebensentwurf ihre Wohnform bestimmt. Ihre Identität und das, was ihnen wichtig ist, drückt sich in dem aus, wo und wie sie wohnen.

Damit können sie sich treu bleiben, auch wenn die Lebensumstände sich über die Jahre verändert haben. Wahrscheinlich haben sie das deswegen geschafft, weil sie sich Gedanken darüber gemacht haben, wie sie ihre Werte durch ihr Wohnen ausdrücken wollen. Sie sind nicht einfach nur dem ausgetretenen Pfad gefolgt, den die Gesellschaft ab einem gewissen Alter oder Familienstand vorzuschreiben scheint, sondern sie haben nach ihrem eigenen Weg gesucht. Damit konnten sie verhindern, dass das Wohnen ihr Leben bestimmte.

Ich glaube nicht, dass es »die« Wohnform für Menschen über 30 gibt, genauso wenig wie es den 30-Jährigen oder die 30-Jährige gibt. Schwierig wird es nur, wenn du das Gefühl hast, dass du dir in deiner momentanen Wohnform nicht treu bleiben kannst. Dann ist es ganz sicher sinnvoll, dir deine Wohnbiografie einmal anzusehen und zu überlegen, was über die Jahre auf der Strecke geblieben ist und wie du das wiederbeleben kannst. Meistens finden sich Wege, alte Maschen wieder aufzunehmen und weiterzustricken. Wenn nicht, dann kannst du ja einfach mal wieder umziehen …

Wir träumen übrigens gerade von einem eigenen Haus mit vielen Wohnungen. Gerne auch direkt am Fluss.


Dagmar Begemann

Dagmar Begemann wohnt mit Ihrem Mann Henrik im lippischen Lemgo. Beruflich koordiniert sie das Mehrgenerationenhaus der Ev.-ref. Kirchengemeinde St. Pauli und versucht ihrem Idealismus in der Kleinstadt damit Hand und Fuß zu geben. Sie ist Mitglied im Koordinationskreis von Emergent Deutschland und seit 1995 Jesus Freakin mit ganzem Herzen.

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