Gemeinsam glauben

Wenn Kirche krank macht


Wenn ungesunder Druck in Gemeinden und Kirchen Menschen derart belastet, dass sie krank davon werden, handelt es sich oft um falsch eingesetzte Macht leitender Personen.

Von Jacob Wiebe

Sexueller Missbrauch ist das Thema, das die katholische Kirche tief erschüttert hat. Immer neue, peinlich-grausame Details kamen hinter dicken, scheinbar undurchdringlichen Klostermauern und klerikalen Amtsstuben hervor. Wie konnten diese Verbrechen nur so lange geheim gehalten werden? Warum haben die Betroffenen die ganze Zeit geschwiegen? Und vor allem: Warum ist es bei einer Institution, deren Kerngeschäft »Wahrhaftigkeit« ist, so schwierig, bei derart schwerwiegenden Vorfällen zur »Wahrheit« vorzudringen? Fragen, auf die wir nur schleichend Antworten finden.

Eine weitere Form des Missbrauchs, die die Kirche heute genauso schwächt, ist der geistliche Missbrauch. Es handelt sich dabei um eine Sonderform von seelischem Missbrauch, die im kirchlichen Umfeld und mit frommer Tarnung häufig im Namen Gottes, der Liebe und der Wahrheit praktiziert wird. Die entstehenden Schäden stehen denen anderer Missbrauchsformen in nichts nach, führen sie doch zu einem pervertierten Gottesbild und somit zu einer tiefen Verunsicherung.

Zwei traurige Beispiele

Jenny ist Christin und geht mit ihren Eltern in eine strenge Freikirche, die das Leben ihrer Mitglieder bis hin zur Kleiderordnung reglementiert. Sie ist ein junges, sportliches und aufgewecktes Mädchen, muss aber immer sehr »zugeknöpft« und mit langem Rock gekleidet sein – sogar beim Sportunterricht. Doch Jenny ist clever: Sie verlässt jeden Morgen »angemessen gekleidet« das Elternhaus und zieht dann vor dem Unterricht ihre enge, modische Jeans auf dem Mädchen-WC ihrer Schule an.
Als Jenny sich eines Tages taufen lassen möchte, wendet sie sich mit diesem Wunsch an die Ältesten ihrer Gemeinde. Doch schon längt haben diese sie im Visier – es gibt genug Mitschüler, die für die Gemeindeleiter als informelle Mitarbeiter tätig sind. Der Taufwunsch wird abgelehnt, Jenny wird vor der ganzen Gemeinde als »Sünderin«, die gegen die Gemeinderegeln verstößt, enttarnt und zur Buße aufgefordert. Heute will Jenny nichts mehr von Gemeinde wissen.

Klaus ist seit Jahren krank. Neben einer starken Skoliose leidet er an Asthma und Schuppenflechte. Die charismatisch geprägte Gemeinde, in der Klaus seit einiger Zeit Mitglied ist, hat einen »prophetischen Heilungsdienst«. Hier wird nicht nur für kranke Menschen gebetet – es werden auch Dämonen ausgetrieben und prophetische Worte gegeben. Klaus öffnet sich in seinem aufrichtigen Wunsch nach Heilung dieser »übernatürlichen Welt« und lässt für sich beten. Aber es passiert nichts. Ein »Prophet« erkennt in ihm einige »böse Geister«, die ausgetrieben werden müssen. Klaus muss daher ein spezielles Programm der Gemeinde besuchen, um »frei« zu werden. Da auch das nicht hilft, ist er nun auch noch »dämonisiert«. Die Propheten erkennen aber noch ein weiteres Problem als Ursache: Klaus hat keinen Glauben! Denn würde er »richtig glauben«, so sagt man ihm, wäre er frei und gesund und dazu erfolgreich. Klaus sagt heute: »Die Kirche und der Glaube haben mich kranker gemacht als je zuvor.«

Diese Beispiele aus meiner Seelsorge-Praxis (Namen sind geändert) ereignen sich heute in vielen Institutionen und Gemeinden. Ich selber habe geistlichen Missbrauch erlebt und bin damit auf meinem Weblog nach vielen Jahren an die Öffentlichkeit gegangen. [1] Seitdem ist mir diese Form des Missbrauchs – durch meine Klienten – überall begegnet: in Bibelschulen und Missionswerken, in christlichen Schulen und Gemeinden jeder Denomination.

Was »geistlicher Missbrauch« ist

Die Autoren David Johnson und Jeff VanVonderen definieren: »Geistlicher Missbrauch ist der falsche Umgang mit einem Menschen, der Hilfe, Unterstützung oder geistliche Stärkung braucht, mit dem Ergebnis, dass dieser Mensch in seinem geistlichen Leben geschwächt wird. Es gibt geistliche Systeme, in denen die Meinungen, Gefühle und Bedürfnisse eines Menschen nicht zählen. Sie bleiben unbeachtet.« [2]
Beim geistlichen Missbrauch geht es um »Grenzüberschreitungen« von Autoritätspersonen. Der Missbrauch ist dabei häufig tief im System einer Organisation verankert, so dass sich die Täter oft nicht dessen zerstörerischer Kraft bewusst sind. Der Schaden ist in jeder Hinsicht immens, wie Marc Dupont treffend analysiert: »Missbrauch ist der missbräuchliche Gebrauch von Macht. Ob der Missbrauch emotional, körperlich, sexuell oder geistlich ist, immer geht es um den verkehrten Einsatz von Macht und Autorität – die Macht, die ein Einzelner gebraucht, um andere zu kontrollieren, zu beherrschen, zu manipulieren und/oder zu benutzen. Das Opfer erfährt eine Schädigung, sei es ein körperlicher, emotionaler, sexueller oder geistlicher Schaden oder auch eine Kombination davon.
Missbrauch handelt davon, dass Menschen mit Macht und Autorität diese verkehrt einsetzen, um eigene Ängste, Verletzungen oder Unsicherheiten zu kompensieren. Missbrauch ist in einigen Fällen besonders schlimm: in Fällen, in denen ein heiliges Vertrauensverhältnis verraten wird. Es ist nicht nur verkehrt und schlimm wegen des Autoritätsmissbrauchs und der unmittelbaren Schädigung des Opfers, sondern weil es sich eigentlich um einen Verrat handelt. Die ultimative Tragödie des Missbrauchs durch Eltern oder geistliche Leiter ist, dass es für das Opfer, wenn es nicht Betreuung und Heilung erfährt, schwierig bis unmöglich ist, Gott völlig zu vertrauen. Da sowohl Eltern als auch geistliche Leiter in unserem Leben Repräsentanten der Vaterschaft Gottes und des Hirtenamtes Jesu sind, wird ein entstelltes Bild von Liebe und Autorität ein verkehrtes Verständnis von Gott in unserem Herzen erzeugen.« [3]
Neben dem psychischen Schaden, den die Opfer davontragen, kommt somit ein noch größerer dazu: der geistliche Schaden. Opfer geistlichen Missbrauchs haben oft und für lange Zeit ein falsches Gottesbild. Gott steht für sie für Ablehnung und Schmerz, für Macht und Angst, für Manipulation und Enge. Weil sie von »geistlichen Autoritäten« manipuliert und zum Beispiel gemobbt wurden, werden diese Erfahrungen auch auf Gott, in dessen Namen die Täter gehandelt haben, projiziert. Dazu werden die Opfer in Kirchen und Organisationen oft alleine gelassen. Das kann so aussehen: Zunächst wird die Person bewusst von Leitern isoliert, ignoriert und stigmatisiert. Bald schon stellt sich die betroffene Person die Frage: »Bin ich verrückt geworden?« – und fängt an, sich zurückzuziehen.
Lothar Käser nennt das, was dabei tiefenpsychologisch geschieht, eine »ekklesiogene Psychose«. Er spricht davon, dass es viele Christen gibt, die aufgrund eines vergifteten Glaubens und einer falsch angewandten Schamkultur »zu klinischen Fällen werden. Dieses Ausmaß ist wohl eher selten. Das Leiden, das geheim gehalten wird, ist aber weiter verbreitet, als wir glauben.« [4]

Äußert schmerzhaft

Meine persönliche Erfahrung mit dem Thema liegt mittlerweile 15 Jahre zurück. Ich wurde damals als Pastor von anderen Verantwortlichen der Gemeinde aus dem Amt gemobbt – eine äußerst schmerzhafte Erfahrung. Als Folge dessen war ich sieben Jahre lang kein Mitglied irgendeiner Gemeinde. Ich hatte mir damals geschworen, nie wieder etwas mit Kirche zu tun haben zu wollen. Ich gab meine »Berufung« für den geistlichen Dienst auf, studierte Informatik und arbeitete über zehn Jahre lang in der IT-Branche – das waren meine Jahre der Heilung und Wiederherstellung. Heute stehe ich wieder im »geistlichen Dienst«, leite ein kulturell-missionales Projekt und bin Pastor einer jungen Gemeinde. Es gibt Hoffnung und Wiederherstellung für jeden Zerbruch, wenn wir Gott erlauben, uns von innen zu heilen.

Wie man vorgehen kann

Hier einige Anregungen, die hilfreich sind, wenn man Opfer von geistlichem Missbrauch geworden ist:

  1. Verlasse so schnell wie möglich das missbrauchende System. Du wirst dir nur noch mehr Schmerz hinzufügen, wenn du versuchst, »treu« zu sein oder den Versuch startest, die Gemeinde oder Organisation zu »retten«.
  2. Grenze dich räumlich und innerlich gegenüber den Menschen ab, die dich missbrauchen. Geistlicher Missbrauch funktioniert nur aufgrund der starken Loyalität gegenüber einer (geistlichen) Autorität. Diese gilt es aufzukündigen und sich dem Zugriff der entsprechenden Personen zu entziehen – innerlich, aber unbedingt auch räumlich.
  3. Lass dir Zeit und verarbeite das erlebte Trauma. Geistlicher Missbrauch ist ein tief sitzendes Trauma! Stürze dich deshalb nicht gleich wieder in die nächstbeste Gemeinde, wenn du das Gefühl hast, dass es dir »besser« geht, sondern lass dir Zeit und gehe dabei behutsam mit dir um. Suche dir seelsorgerlichen Rat und therapeutische Hilfestellung.
  4. Stelle dich der Realität. Deine Einstellung gegenüber Autoritätspersonen, Kirche, bestimmten Glaubensgrundsätzen und gegenüber Gott hat einen Frontalaufprall erlitten. Vieles liegt in Scherben. Es ist gut, das zunächst zu akzeptieren.
  5. Lerne zu vergeben. Entscheide dich immer wieder für den Weg der Vergebung. Das befreit dich aus dem Gefängnis der Bitterkeit.
  6. Verstehe den Unterschied zwischen Vergebung und Versöhnung. Bei Vergebung entschließt sich jemand einem anderen zu vergeben. Bei Versöhnung gehen zwei Parteien aufeinander zu und bekennen ihre Schuld. Was aber, wenn der Täter nicht um Vergebung bittet? Dann ist Vergebung auch ohne Versöhnung möglich.
  7. Versöhne dich mit deiner Biografie. Wir neigen dazu, unerwünschte Erinnerungen zu verdrängen. Das hilft uns jedoch nicht, weil wir trotzdem entsprechend unserer verwundeten Gefühle reagieren. Besser ist es, du verarbeitest das dunkle Kapitel deiner Geschichte – wenn nötig mit Hilfe eines erfahrenen Therapeuten – und versöhnst dich mit diesem Teil deiner Biografie. Du kannst sagen: »Ja, ich habe Narben davongetragen, Schmerz und tiefe Enttäuschung erlebt, aber die Täuschungen haben nun ein Ende genommen. Gott liebt mich leidenschaftlich. Er stand immer zu mir und steht immer noch zu mir. Was kaputt gegangen ist, kann er wieder neu machen.«

Aus Scheiße wird Humus

Auf meiner Reise zur Heilung bin ich vielen schrägen, flügellosen Engeln begegnet, die mir geholfen haben, den richtigen Weg zu finden. Einer davon ist ein evangelischer Pfarrer aus Wuppertal. Er wollte meine Geschichte hören und hörte mir sehr aufmerksam zu. Als ich zu Ende erzählt hatte, sagte er mir nur einen einzigen Satz. Dieser Satz, obgleich sehr profan, war für mich damals die Offenbarung. Er lautete: »Jacob, Gott macht selbst aus Scheiße noch Humus. Vergiss das nie!« Ich habe es nicht vergessen. Ich werde es nie vergessen.


Fußnoten:

  1. Zum Beispiel in meinen Vorträgen zum Thema »Macht, Vollmacht, Machtmissbrauch«. MP3s abrufbar unter context21.wordpress.com/downloads
  2. David Johnson & Jeff VanVonderen: Geistlicher Missbrauch − Die zerstörende Kraft der frommen Gewalt, Projektion J Verlag Asslar 1996, Seite 23 + 27
  3. Marc Dupont: Walking Out of Spiritual Abuse, Sovereign World Ltd., Tonbridge, Kent, GB 1997, Seite 8/9
  4. Lothar Käser: Kultur und Über-Ich. In: Scham- und Schuldorientierung in der Diskussion, Thomas Schirrmacher und Klaus W. Müller (Hg.), VTR + VKW 2006, Nürnberg + Bonn

Jacob Wiebe

Jacob Wiebe wurde in Waldheim bei Omsk, einer deutschen Kolonie in Sibirien, geboren. Er ist Informatiker und Theologe und lebt mit seiner Frau Anita und seinen drei Kindern in Detmold. Er ist Pastor der mosaikchurch, und sein theologischer Schwerpunkt liegt in den letzten Jahren in der Jesusforschung. www.context21.com

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