Gemeinsam glauben

Wohnraum teilen


Seine Wohnung mit Gästen zu teilen mag unbequem sein. Doch die Begegnungen sind es allemal wert.

Von Tanja Manthey-Gutenberger

Es war einmal in Amerika

»You have to come over to our house sometime!« Diesen Satz hörten wir häufig, als wir noch in den USA lebten. Darauf folgte dann oft gar nichts. Es brauchte eine Weile, bis wir verstanden, dass solche Einladungen in den USA schnell mal ausgesprochen werden. Es handelt sich einfach um eine spontane Freude über ein gelungenes Treffen oder Gespräch. Wir haben trotzdem in sonst keinem anderen Land solch großzügige Gastfreundschaft erlebt wie in den von uns oft als oberflächlich bezeichneten USA.

So auch in der Wüste in Arizona bei einem Umzug von Los Angeles nach Kansas City: Motorschaden mitten in der Wüste. Das war in der Nähe des Wüstendorfes Lake Havasu. Wir telefonierten mit dem Büro, von dem wir aufgebrochen waren. Da eine Bekannte jemanden in diesem Ort kannte, und diese Person wiederum mit einem Automechaniker in Kontakt war, konnten wir dort eine Woche umsonst wohnen. In diesen Tagen baute mein Mann unter der Anleitung des Automechanikers einen kompletten Zylinderkopf aus und wieder ein – ohne Bezahlung für die Benutzung des Werkzeugs oder für die Anleitung.

Die Tochter der Familie, in deren Zimmer wir schlafen durften, meinte bei unserer Weiterreise nach einer Woche Aufenthalt, dass wir bestimmt Engel seien, da sie sich irgendwo mal diesen Vers aus dem Hebräerbrief eingeprägt hatte: »Vergesst die Gastfreundschaft nicht; denn durch sie haben einige, ohne es zu ahnen, Engel beherbergt« (Hebräer 13,2). Engel in einem blauen Hippie-Van – das waren wir für sie.

Die Ursprünge

Diese Woche in der Wüste, eine Woche der Hilfe und der Beziehung, werden wir nicht wieder vergessen. Aber ganz ehrlich, ich weiß nicht, ob ich zu solch einer Gastfreundschaft bereit gewesen wäre. Wahrscheinlich eher nicht. Gastfreundschaft hat oft mit dem Aufgeben eigener Grenzen zu tun, mit der Bereitschaft, fremde Menschen und die Begegnung mit ihnen wichtiger als persönliche Termine zu nehmen.

Aber warum legen die Heiligen Schriften aller Religionen so einen großen Wert auf Gastfreundschaft? Man kann argumentieren, dass es früher überlebensnotwendig gewesen ist, fremden Wanderern Obhut zu bieten. Daraus würde folgen, dass das heute vernachlässigbar ist, da kaum ein fremder Wanderer heute noch an unsere Türe klopft. Im Talmud sind es nicht nur die Engel, es ist gleich Gott persönlich, den man beherbergt, wenn man seine Tür öffnet.

Im interkulturellen Kontext betrachtet, denke ich auch schnell an die viel gepriesene Gastfreundschaft unserer arabischen Freunde. Selbst als Sozialpädagogin bei Hausbesuchen und somit oft als Überbringerin von weniger schönen Neuigkeiten, wurde ich immer herzlich empfangen und es gab mindestens ein Glas Tee.

Überraschende Gäste

Noch eine Geschichte: An einem Weihnachtsfest haben mein Mann Daniel und ich unserer Familie einmal einen Streich gespielt. Wir sind spontan mit dem Auto von Berlin nach Süddeutschland gefahren, um mit unserer Familie Heiligabend zu verbringen. Unangemeldet standen wir um halb acht abends vor der Tür und klingelten.

Daniel verstellte seine Stimme und sprach mit tiefem alemannischen Akzent in die Sprechanlage: »Jo guetsnobig, wir hän mol wölle froge, ob sie no ä Platz hän zum schlofe für mi un minni Frau«. Die Sprechanlage blieb stumm, bis schließlich ein verstörtes »Moment mal« zu hören war. Im Hintergrund waren Stimmen zu hören und schließlich sagte eine Person etwas lauter: »Schick sie in den Burghof« (die Heiligabend-Feier für Menschen in Obdachlosigkeit). Ein gut gemeinter Vorschlag, uns zumindest einen Ort zu vermitteln. Danach schickte die Mutter die »Männer der Familie« runter an die Eingangstüre, um uns dorthin zu weisen.

Es gab natürlich zunächst ein großes Gelächter, doch im Anschluss auch eine Diskussion. Argumente wurden ausgetauscht über zivile Sicherheit, Abschiebung von Not an eine Hilfseinrichtung, persönliche Herausforderung und schlechtes Gewissen.

Ganz ehrlich, Gastfreundschaft bedeutet eigentlich nicht, jemanden zu einer Feier für Obdachlose oder in eine entsprechende Unterkunft zu schicken. Gastfreundschaft bedeutet vielmehr, sein Eigentum zu teilen, zu vertrauen, sich einzulassen, Zeit zu geben – eben ein Risiko einzugehen.

Nach drei Tagen stinkt der Fisch

Ich denke, jeder hat schon einmal erlebt, welche Dynamiken Gäste mit sich bringen können. Schnell kommt man ins Aufrechnen und Überlegen, was noch angemessen ist und was nicht oder was man stattdessen tun könnte. Diese Dynamik entsteht vor allem, wenn der Besuch sich besonders wohl fühlt und nicht gehen will. Bei Gästen, die sich allzu lange wohl bei einem fühlen, sagt man auch: »Nach drei Tagen stinkt der Fisch.«

In Berlin hat das alles nochmal eine besondere Dynamik: Wir hatten noch nie so viel Besuch, seit wir in dieser Stadt leben. Das ist meistens in Ordnung, hat manchmal aber einen fahlen Beigeschmack. Wenn der Besuch fünf Tage lang auf Sightseeing-Tour ist und man außer dem belegten Zimmer kaum etwas von den Menschen mitbekommt, fühlt sich das nicht mehr stimmig an.

Gastfreundschaft beim Abendbrot

Viele Erfahrungen mit Gastfreundschaft machen wir in dem gemeinnützigen Café, das wir betreiben: ein offenes Café – für die Nachbarschaft, für Freunde, für zufällig Vorbeikommende. Jeden Donnerstag essen wir zusammen Abendbrot. Das bedeutet, dass wir einen langen Tisch decken und das Brot und die Butter stellen und alle, die kommen, bringen den Belag mit. Als Einstieg ins Gespräch gibt es ein Zitat, über das man sprechen kann wenn man möchte, aber auch nicht muss.

Dieses gemeinsame Abendessen veranstalten wir nun schon seit fünf Jahren – das erste Jahr privat in unseren Wohnungen und dann im hauseigenen Café. Die Geschichten und Begegnungen mit Menschen, die bereits an unserem Abendbrottisch saßen, sind zahlreich und ich kann nur zur Nachahmung dieser Idee ermutigen.

Zugegeben, manchmal ist es anstrengend – man weiß nie, neben wem man sitzt und wer alles auftaucht. Doch meistens sind es bereichernde Begegnungen und es haben sich schon so manche Beziehungen daraus entwickelt.

Aber: Ist das Gastfreundschaft? Nicht im üblichen Sinne vielleicht, denn wir teilen ja nicht unsere Wohnung. Es ist nicht spontan und flexibel, aber es ist unsere lebbare Art und Weise, den Geist von Gastfreundschaft als Teil unseres Lebens aufrecht zu erhalten. Dabei entstehen immer wieder Situationen, in denen es nicht beim Abendbrot bleibt. Denn wo Menschen sind, gibt es Krisen und diesen Krisen zu begegnen, ist Teil von Beziehung. Da wird aus Gastfreundschaft dann Hilfeleistung und manchmal auch Freundschaft.

Freundschaft

Aber ist Gastfreundschaft schon Freundschaft? Sicher nicht. Wenn Gastfreundschaft den Anspruch auf Freundschaft hat, dann funktioniert sie nicht mehr. Denn Freundschaft kann nicht einseitig sein. Ist Gastfreundschaft einseitig? Das kommt darauf an. Ich würde aber behaupten: in den meisten Fällen zunächst ja. Freundschaft kann durch Gastfreundschaft entstehen, muss sie aber nicht. Und das ist auch okay.

Den konservativen Wüstenstädtchen-Bewohnern in Lake Havasu werden wir ewig dankbar sein für ihre Gastfreundschaft und Hilfeleistung, obwohl wir keinen Kontakt mehr zu ihnen haben. So auch beim Café »Klaus Abendbrot«. Nicht alle unsere Gäste sind oder werden unsere Freunde. Aber Bedürfnisse werden gestillt. Manche vielleicht auch enttäuscht, weil manchmal mehr erwartet wird, als wir oder das Caféteam leisten können. Es ist schön, Menschen kennenzulernen, die sich über Beziehung und Gespräche freuen. Es ist nicht immer schön, von Menschen besucht zu werden, die eigentlich nur etwas mitnehmen oder loswerden wollen.

Aber wenn viele Menschen sich dem Geist der Gastfreundschaft öffnen, kann aus dem Nehmen und Geben ein großartiges Miteinander werden. Unsere manchmal einsame Welt kann durch mehr Gastfreundschaft und dadurch mehr Vertrauen reicher und sicherer werden.


Tanja Manthey-Gutenberger

Tanja Manthey-Gutenberger ist leidenschaftliche Berlin-Fahrradfahrerin und arbeitet als sozialpädagogische Geschäftsführung in der integrativen Kinder- und Jugendeinrichtung »breakout« in Berlin-Kreuzberg. Sie hat 2009 mit einem Team Ehrenamtlicher das gemeinnützige Nachbarschaftscafé »Klaus Abendbrot« gegründet. www.klausabendbrot.de

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