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Wut auf Gott


Darf man wütend auf Gott sein? Eine ganzheitliche Antwort.

Von Axel Brandhorst

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Sprecher: Philipp Hohage

Mädchen zündet Kirche an – aus Wut auf den lieben Gott

Samstag, 29. Mai 2010, 17:47 Uhr

In tiefer Trauer über den Tod ihrer kleinen Schwester hat sich ein zwölfjähriges Mädchen in Frank­reich mit dem lieben Gott angelegt. Aus Rache legte das Mädchen vier Mal Feuer in der Kirche seiner Heimatstadt Perreux. Lange Zeit tappte die Polizei im Dunkeln. Das berichtet die Zeitung »Le Parisien«.

Als der Pfarrer am 19. Mai während des Katechismus-Unterrichts für Kinder aus der Gemeinde erneut ein Feuer entdeckte, wurden die Ermittler stutzig. Der Abdruck einer Kinderhand in dem Kerzenwachs, das zur Entzündung des Feuers benutzt worden war, führte sie zu der jungen Täterin.

Gott hat die Schwester nicht gerettet

Das Mädchen gestand daraufhin sein Motiv: Ihre kleine Schwester sei im vergangenen Sommer bei einem Unfall ums Leben gekommen, und Gott habe sie nicht gerettet. Die Polizei redete der Kleinen ins Gewissen und verordnete erzieherische Maßnahmen. Der Pfarrer habe ihr verziehen, meldete die Zeitung. (apn/muei)

Diese Meldung erschien im Online-Portal des Schweizer Fernsehens: www.tagesschau.sf.tv

Ooops. In uns Menschen geht doch viel mehr vor, als wir wissen und sehen lassen wollen. Wer von uns kennt das nicht – dieses Gefühl der Wut, das uns glauben machen will, dass wir erst dann zu einer Art Frieden zurückfinden können, wenn wir eine Schneise der Zerstörung hinterlassen haben? Also habe ich mir ein paar Gedanken gemacht über das Thema »Wut« – mit besonderem Blick auf die Wut auf Gott, die ein ziemlich heikles Thema zu sein scheint.

Dieses Mädchen, das da derart unbändige Kräfte in sich wirken spürte, dass sie bereit war über hohe Hemmschwellen hinwegzugehen – nennen wir sie mal Françoise – die könnte uns was erzählen, wenn wir die richtigen Fragen wüssten. Meist wissen wir diese Fragen gerade dann nicht, wenn wir die Antworten darauf am dringendsten bräuchten, nämlich dann, wenn wir selbst wütend sind. Aber jetzt haben wir gerade keine Wut, und wir sind in der Lage, mit etwas kühlerem Kopf vorzugehen als Françoise angesichts der Behausung Gottes im französischen Perreux.

Was ist Wut?

Die erste Frage könnte sein, was denn Wut überhaupt ist. Da will ich mal die Experten zu Wort kommen lassen und übersetze eine Definition aus der Psychologie in verständlicheres Deutsch: Wut ist ein Gefühl, das von einer Grenzüberschreitung oder einem an sich selbst verspürten Schaden verursacht wird und das Bedürfnis mit sich bringt, klarzumachen, dass man nicht einverstanden ist. Das Ziel der Wut ist, eine Änderung oder Entscheidung herbeizuführen und ein akut wahrgenommenes Problem zu lösen.

An Françoises Beispiel verdeutlicht: Sie hat einen Schaden verspürt (den Verlust ihrer Schwester), es gab einen grenz­überschreitenden Verursacher (Gott, der seinen Job als Verhinderer übler Dinge nicht getan hat), sie hat viermal den Versuch unternommen, sich zu rächen und wollte dadurch eine Veränderung herbeiführen (nicht mehr abhängig zu sein von diesem Gott, der die einfachsten Dinge nicht geregelt kriegt, sondern ihm zu zeigen, dass er von ihr abhängig ist, indem sie ihm die Bude abfackelt, und ihn dadurch hinter die Grenzen zu verweisen, die er ihrer Interpretation nach überschritten hat).

Ist Wut hilfreich?

Das führt uns zur zweiten Frage: Ist Wut ein hilfreiches oder ein behinderndes Gefühl? War Françoise »berechtigt«, so zu fühlen, wie sie gefühlt hat und so zu handeln, wie sie gehandelt hat?

Hier müssen wir Fühlen und Handeln klar voneinander trennen. Françoise hatte eine Wut auf Gott, der es wagte, ihr einen solchen Schaden zuzufügen, und sei es bloß durch eine Unterlassungshandlung. Das ist eine kausale Kette: Die Schwester stirbt, Françoise interpretiert Gott als Schuldigen, nimmt den kaum zu verarbeitenden Schmerz des Verlustes wahr und spürt Wut. Und wie wir sehen, ist da ziemlich viel Energie drin. Energie, die sie verwenden hätte können, um klarzukommen, um sich neu zu orientieren, um die Grenze zu finden, wo ihr die Dinge zu nahe gehen und ihre Beziehung zu diesem Gott zu klären – und, um zu trauern. Die Wut gab ihr Energie. Die Wut machte ihr auch klar, dass da etwas unglaublich weh tut und dass eine Lösung nötig ist. Das ist hilfreich, oder?

Weniger hilfreich war das Maß der Energie, mit der die Wut einherging, und darüber hinaus war Françoise klar überfordert durch ihr Unvermögen, die Wut zu kanalisieren und sie für die richtigen, Lösung bringenden Handlungen zu nutzen. Dafür kann die Wut nichts; dafür war nur Françoise nicht genug ausgerüstet. Wut ist also ein hilfreiches Gefühl, wenn wir in der Lage sind, damit umzugehen. Leider können wir das oft nicht, weil es uns niemand beigebracht hat, und so verbieten wir uns aus Angst vor der Energie, die die Wut freisetzt, dieses Gefühl, statt einen guten Umgang damit zu lernen. Aber Gefühle sind etwas, das Gott uns mitgegeben hat, um das Leben meistern zu können. Sie sind wie ein Anzeigelämpchen im Auto, das uns zeigt, was es braucht: Wenn wir es richtig interpretieren und dann angemessen handeln, läuft alles gut. Wenn wir uns aber gewisse Gefühle verbieten, weil wir Angst vor ihrer Energie haben, dann äußert sich das Problem bald auf eine andere Art.

Ist Wut auf Gott erlaubt?

Mir brennt eine dritte Frage im Herz: Darf ein Mensch denn überhaupt wütend sein auf Gott? Auf diesen allmächtigen, fehlerfreien, unendlich gütigen und ewig schuldlosen Gott? Denn so wie wir sein Wesen kennen, gibt er uns ja keinerlei Anlass, wütend auf ihn zu werden, richtig? Oder hast du Gott schon einmal dabei erwischt, wie er was falsch gemacht hat? Jemandes Grenzen nicht geachtet hat? Schnell wird hier klar, dass wir uns entscheiden müssen: zwischen dem Gott, wie er sich in der Bibel erklärt, oder einem, auf den man berechtigt wütend sein darf. Denn wenn ich wütend auf ihn bin, offenbare ich mich als einer, der nicht an seine Gerechtigkeit glaubt; als einer, der glaubt, dass Gott einen Fehler macht und meine Grenzen nicht achtet.

Hilft uns diese theologische Grundwasserbohrerei? Bedingt, finde ich. Sie zeigt uns, dass unsere Gefühle oft nicht im Einklang sind mit den Dingen, die wir zu glauben glauben. Das ist zwar eine wichtige Erkenntnis; sie verleitet uns jedoch häufig zu falschen Handlungen: Wir halten unsere Gefühle für falsch, weil wir das, was sie uns sagen, für einen Widerspruch zur Offenbarung Gottes halten. Und schon stecken wir in der Sackgasse – nicht gerade hilfreich, wenn man weiterkommen will; deshalb möchte ich versuchen, einen lebensnäheren Zugang zu finden.

Frage vier: Stört es Gott, wenn wir wütend auf ihn sind? Macht es ihm etwas aus? Gell, wir merken es schon: Sicher trauert er um verpasste Gelegenheiten zu freudvollerem Beisammensein, sollte unsere Wut auf ihn anhalten. Aber ausmachen im Sinne von »Verkraftet er das?«, »Ist er beleidigt?« oder gar »Fügt es ihm Schaden zu?« – das geht kaum. Gott hält es aus, er zerbricht nicht daran, wenn wir unbehagliche Gefühle ihm gegenüber haben. Und da sind wir einen kleinen Schritt weiter: Ja, Wut gegen Gott darf sein; daran gehen keine ewigen Ordnungen kaputt, und er liebt uns auch nicht weniger, wenn wir wütend auf ihn sind.

Ist Wut auf Gott Sünde?

Dennoch: »dürfen« wir das? Fünfte Frage, Wiederholung der dritten unter anderen Gesichtspunkten. Fügen wir ihm Unrecht zu, wenn wir wütend auf ihn sind? Oder, um es traditioneller zu formulieren, sündigen wir damit? In Anbetracht der Tatsache, dass ein gerechter und liebender Gott objektiv gesehen gar nicht der Anlass sein kann, dass wir wütend auf ihn werden, müssen wir feststellen, dass wir ihm Unrecht tun, wenn wir ihm die Schuld an unserem Schmerz zuschreiben. Aber er hält es ja aus; wir überfordern ihn damit nicht und müssen daher auf seine Fähigkeit, Dinge zu ertragen, nicht unbedingt Rücksicht nehmen. Und Wut hat die Energie, zielgerichtet einer Lösung zuzustreben. Also ist es ein brauchbarer, wichtiger Weg, die Wut wahrzunehmen und in Auseinandersetzung mit uns selbst, weiteren beteiligten Personen und Gott zu gehen. Dabei lässt sich klären, wie die Wut zustande kam (sprich: wo genau unsere Fehlinterpretation von Gottes Handeln lag), und wir können über die Gefühlsübermacht hinaussehen und Zuschreibung von Tatsache trennen. So müssen wir Gott nicht Schuld an unserer eigenen Schuld oder Begriffsstutzigkeit geben und können die Energie der Wut zur konstruktiven Beziehungsklärung nutzen. Wut auf Gott kann helfen!

In der Wut klarkommen

Bleibt eine letzte Frage, denn diese Theorie ist zwar schön, aber grau: Was machen wir denn nicht mit, sondern mitten in der Wut? Sprich: wenn der Kessel zu platzen droht und das Sicherheitsventil vor Überlastung zu pfeifen beginnt? Wenn das Blut in den Ohren rauscht und wir Gott auf der Stelle erwürgen würden, wenn wir nur seinen Hals finden könnten? Dafür brauchen wir zwei Dinge: einerseits das Recht und die innere Erlaubnis, die Wut so rauszulassen, dass sie nachher auch draußen ist, und andererseits Regeln, damit wir nicht jemand verletzen, den wir nicht verletzen wollen oder etwas kaputtmachen, das wir nicht kaputtmachen wollen. Und die Erfahrung zeigt: Wenn wir uns das Recht und die Erlaubnis zur Wut geben, sind wir auch viel leichter bereit, uns an die Regeln zu halten.

Und wie kann das gehen, die Wut rauszulassen, ohne an Personen oder Dingen Schaden anzurichten? Da brauchen wir unseren eigenen Weg. Ob Holz spalten, Teppich klopfen, Schreien oder das Kaputtschlagen von Dingen, die sowieso für die Tonne bestimmt sind, das ist egal: Die Wut ist raus, wenn sich eine gewisse Erschöpfung breitmacht und die Denkfähigkeit wieder einsetzt. Und dann ist es sehr hilfreich, nicht zuerst Wunden verbinden oder Schaden aufräumen zu müssen, sondern sich unbeschwert der Lösung des wutauslösenden Moments zuwenden zu können.
Und auch das sei zum Schluss noch verraten: Raus muss die Wut, denn sonst macht sie uns krank. Auf psychosomatischen Abteilungen in den Psychiatrien kann man ein Lied davon singen, und inzwischen sind wir sogar so weit, einen Zusammenhang nachweisen zu können zwischen unterdrückter Wut und Phänomenen wie Magengeschwüren, Depressionen, Süchten und Essstörungen. Also machen wir es doch am besten, wie Paulus uns in Epheser 4,26 rät: zürnen (mit anderen Worten: Wut rauslassen), aber dabei dafür sorgen, dass nicht danach nie wieder die Sonne aufgeht.

© Axel Brandhorst


Axel Brandhorst

Axel Brandhorst ist in zweiter Ehe verheiratet und Vater einer bezaubernden Tochter. Er lebt im Kanton Bern in der Schweiz und ist im deutschsprachigen Raum in Seelsorge und psychologischer Beratung unterwegs. Sein Herz schlägt dafür, Menschen zu befähigen, eine gute Beziehung mit sich, ihrem Schöpfer und anderen Menschen leben zu können. www.axelbrandhorst.org

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